Ballate, fratres!

Ein Versuch, das Übel zu ergründen

(und von der Furcht, während der Show auf die Bühne gezerrt zu werden)

Gleich vorweg. Übers Tanzen in der Messe will ich mich gar nicht groß äußern. Selbstverständlich indiskutabel. Und ehrlichgesagt, so weit verbreitet ist das ja zum Glück auch nicht.

Tanzerei und andere liturgische Missbräuche entspringen aber einer gewissen Grundhaltung, anhand derer man sehr deutlich einen bedenklich falschen Weg aufzeigen kann.  Oder es zumindest versuchen.

Um diese Grundhaltung soll es hier mal gehen. Individualismus. Eine einzelne Gemeinde entwickelt ihre eigenen Rituale, ihre eigene „Sprache“. Das mag durchaus etwas Identifikationsstiftendes für die Mitglieder dieser Gemeinde haben, denn sowas Eigenes zu haben, verbindet sehr, zumal es schon im Vorfeld eines gewissen Engagements der Menschen bedarf, sowas überhaupt entstehen zu lassen. Insofern hat es für den Gemeinschafssinn sicherlich sein Gutes.

Was meine ich eigentlich konkret? Ohne ein konkretes Beispiel aus der Realität zu nehmen, ich will ja keinen an den Pranger stellen, z.B. Dinge wie liturgische Inszenierungen,  Motto-Gottesdienste zu willkürlich gewählten Themen die nichts mit dem liturgischen Kalender zu tun haben, mit  „Showeinlagen“ zur Verdeutlichung. Übertriebene Mitgestaltungswut. Persönliches Einbringen, womöglich noch persönlicher Lebensgeschichten. Laienpredigten. Fallen selbstgehäkelte Hochgebete eigentlich noch als liturgische Missbräuche auf? Ich nenne sie hiermit mal. Gelegentlich auch gemeindespezifische „Mahl-Rituale“.  Und dergleichen mehr.  Selbstverständlich sind das (fast)  alles Dinge, die meinetwegen gerne ihren Platz im Gemeindeleben haben sollen.

Aber nicht in der Messe!!

Papst Benedikt XVI, damals noch Kardinal Ratzinger schreibt in seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ :

Christliche Liturgie ist niemals die Veranstaltung einer bestimmten Gruppe, eines bestimmten Kreises oder auch einer bestimmten Ortskirche. […] Er will die Menschheit vereinen und die eine Kirche, die eine Kirche, die eine Gottesversammlung aller Menschen erwirken.

Ich wage hier mal einen Vergleich, der für mich sehr naheliegend erscheint, ich hoffe, ich kann das deutlich machen. Ich denke hier immer wieder an Fraktale.

Fraktal

Fraktale, das sind diese interessanten mathematischen Objekte, die aus mehreren verkleinerten Kopien ihrer selbst bestehen. man spricht hier auch von Selbstähnlichkeit. Egal wo man „hinein zoomt“, man entdeckt jedes Mal ein exaktes Abbild des Vorhergehenden. Korrekt müsste man sagen, jede nächst höhere Iterationsstufe ist ein exaktes Abbild der vorhergehend kleineren. Und hierin liegt die ganze Ästhetik, Eleganz, Schönheit und Faszination der Fraktale. In der Ähnlichkeit, der Gleichheit.

Gemeinschaften sind Fraktale.

Eine Gemeinschaft ist also immer ein Teil einer größeren Gemeinschaft und setzt sich, bis zu einem gewissen Grad, aus wiederum kleineren Gemeinschaften zusammen. Natürlich gibt es hier, im Gegensatz zur Mathematik eine Grenze und kann nicht bis zur n-ten Iteration,  ins Unendliche,  weitergeführt werden.

Auf die katholische Kirche bezogen ist der Vergleich mehr als offensichtlich. Die Gesamtkirche, die Teilkirchen/Ortskirchen, die Kirchengemeinden. Und übergeordnet Gott.

Und alle diese unterschiedlichen Iterationen sind jeweils der nächst höheren und niedrigeren ähnlich. selbstähnlich. Man spricht ja auch von der Kirche als dem Leib Christi, der sowohl die Gesamtheit, als auch jedes einzelne Glied enthält, das ein Teil der Gesamtheit ist und das ohne die Gesamtheit nicht sein kann.

Und wie bei den mathematischen Fraktalen liegt hierin auch eine große Schönheit. Ähnlichkeit, Gleichheit, Konformität gelten heute gemeinhin als unmodern und unzeitgemäß. Individualität, aus der Masse herausragen, eigene immer neue Ideen und größtmögliche Abgrenzung zur breiten Masse sind viel erstrebenswerter.

Beginnt nun eine individuelle Gemeinschaft, wie z.B. eine Kirchengemeinde,  als Teilmenge einer größeren Gemeinschaft, z.B. einer Ortskirche und der Gesamtkirche, von denen der größeren Gemeinschaft abweichende Rituale zu entwickeln, eine eigene individuelle Sprache, Gesten, Handlungen, Vokabeln, Redewendungen, Bilder, Symbole, gibt das der eigenen Gemeinschaft möglicherweise zunächst einmal augenscheinlich eine starke gemeinsame Identität, entkoppelt sie damit aber schließlich von den weiteren Gliedern der Gemeinschaft. Die wahre Identität der kleinen Gemeinschaft ergibt sich aber aus der gesamtheitlichen Identität, deren selbstähnliche Teilmenge sie ja ist und steht damit in Abhängigkeit der übergeordneten Gemeinschaft, wie auch die übergeordnete Gemeinschaft in Abhängigkeit mit den kleineren Gemeinschaften, mathematisch, den höheren Iterationsstufen, steht. Verändert sie ihre Erscheinung, ihr Wesen, verliert sie an Ähnlichkeit und schließt sich damit selbst aus der Universalität aus, der Gesamtheit. Der Gesamtkirche aus. Die Eleganz, Schönheit und Stärke eines Fraktals definiert sich ja, wie bereits festgestellt, gerade durch die Selbstähnlichkeit.

Es verwundert natürlich, wieso das überhaupt eine Gemeinde wollen könnte. Aber dennoch kommt es vor. Eine Gemeinschaft die nur um sich selbst kreist, die den Blick „nach oben“ verloren hat, nach oben zur nächst größeren Gemeinschaft und letztendlich auch zu Gott, von dem ja alles ausgeht und zu dem sich alles ausrichtet. In Gemeinschaft aller Gemeinschaften.

Das Individuum Gemeinschaft handelt hierbei egozentrisch indem es sein Augenmerk auf sich alleine richtet und darauf, was ihm selbst, als Gemeinschaft „gefällt“ oder den eigenen gemeindespezifischen Vorstellungen von Ästhetik entspricht und nicht zuletzt, dass es zwar die einzelnen Individuen anspricht, das alles aber vollkommen losgelöst von den universalgemeinschaftlichen Richtlinien und was das wesentliche ist, von der universalen Richtung. Indem aber der „Blick nach oben“ fehlt und nur noch die eigenen Reihen betrachtet geht schnell der Sinn verloren, der Gottesdienst wird zu einer inhaltsleeren Veranstaltung. Also muss ein Sinn her. Und den findet man in diesem Fall einzig bei den menschlichen Individuen der Gemeinschaft.


Teil #2  in dem  ich auf Raumgestaltung und -geometrie eingehen werde, folgt in Kürze

Advertisements

4 Gedanken zu “Ballate, fratres!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s