Das Maß aller Dinge

Über Architektur und Geisteshaltung

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Neulich hatte ich hier schon mal angekündigt, dass ich noch was zur Raumgestaltung schreiben würde.  Im Ansatz tat ich das auch schon mal hier. Was aber noch fehlt und was in engem Zusammenhang mit beiden vorgenannten Beiträgen steht, ist über die mehr oder weniger kreisförmige Anordnung der Sitzplätze in Kirchen, auch als „Communio-Raumkonzept“ bekannt, zu sprechen.

Wenn schon ein „Gegenüber“ von Priester und Gemeinde aufhält und gewissermaßen träge macht, bedeutet ein Kreis gleichsam vollkommenen Stillstand. Und zwar sowohl im Sinne einer geistigen und geistlichen Vorwärtsbewegung also auch insofern, dass ein Kreis eine Gruppe, eine Gemeinde nach außen hin völlig abschließt und einen privaten Mikrokosmos bildet.

Schon alleine geometrisch ist es einer gemeinsam orientierten, in einem (stilisierten) Rechteck angeordnete Gemeinde ohne weiteres möglich sich in dieser Anordnung nahtlos zusammen mit anderen, identisch orientierten Gemeinden zu einer großen Gemeinde zusammenzufügen, durch simple Aneinanderreihung. Mit einem Kreis ist das so nicht möglich. Hier erhält man auf diese Art lediglich eine Aneinanderreihung mehrerer in sich geschlossener Kreise. Man zeigt allen anderen Gemeinden die Rückseite, wendet und schließt sich von anderen ab und ausschließlich sich selbst zu! Man zentriert sich in sich selbst…

Kreis-Rechteck

Selbstverständlich steht in der Mitte des Kreises ein Altar, der das Zentrum bildet und auf den sicherlich auch die Aufmerksamkeit, das Gebet gerichtet ist. Doch besteht hierbei die Gefahr, dass man während des Gottesdienstes immer wieder und unweigerlich auch die anderen Mitglieder einer Gemeinde anschaut, da man sich in einem Kreis ja gegenüber sitzt. Man nimmt also unweigerlich eine geschlossene Gruppe wahr, eine Gruppe, die sich um den Altar versammelt hat. Diese Geschlossenheit vermittelt ein Gefühl der Vollständigkeit. Diese Anordnung lässt nur schwer erahnen, dass diese Gemeinde Teil einer größeren sein könnte. Man vereinnahmt quasi den Altar und insbesondere das, was darauf geschieht für sich, für die eigene Gemeinde und verliert so vollkommen das Gefühl für die Kirche als Ganzes.  Ich hatte es neulich schon aus Ratzingers „Der Geist der Liturgie“zitiert, tue das aber hier nochmal:

  Christliche Liturgie ist niemals die Veranstaltung einer bestimmten Gruppe, eines bestimmten Kreises oder auch einer bestimmten Ortskirche. […] Er will die Menschheit vereinen und die eine Kirche, die eine Kirche, die eine Gottesversammlung aller Menschen erwirken.

Dieses Bewusstsein ist natürlich nicht das, was uns in der Hauptsache während der Messe beschäftigen muss, im Grunde sogar gar nicht. Aber das grundsätzliche fehlen dieses Bewusstseins ist etwas, was unter anderem zu einer sehr exklusiven Haltung führen kann. Dass man sich nicht mehr über die Universalität des mystischen Leibes Christi im Klaren ist. Und dadurch auch spezifischen Bedürfnissen einen viel zu hohen Stellenwert einräumt. Die Bereitschaft zur Unterordnung oder Einordnung geht verloren.

Bei einer gemeinsamen, gemeinschaftlichen Orientierung in EINE Richtung, im Idealfall gemeinsam mit dem Priester  ist alleine schon diese bildhafte Geste, als Zeichen für den Einzelnen, als persönliche Ansprache sozusagen, eine andere. Man sieht keine geschlossene Gemeinschaft, sondern auf einen Ort hin den wir alle gemeinsam anstreben. Der liturgische Osten, die Richtung des Lichts, des auferstandenen Christus. Zum einen ist die Dynamik hier sehr viel stärker zu Spüren, oder zu „erleben“ (es wird ja so gerne erlebt).

In einem Kreis passiert es automatisch, durch die Eigenart eines Kreises, rund zu sein, dass man immer auch sein Gegenüber im Blick hat, vielleicht nicht im Fokus, aber doch im Bereich der optischen Wahrnehmung. Die Menschen gegenüber sind also auf derselben Ebene, wie das, was auf dem Altar passiert. Sie sind auf einer Ebene mit der Vergegenwärtigung des einen Opfers. Mit Christus selbst. Und nicht nur auf ein und derselben Wahrnehmungsebene, sondern auch auf einer Kommunikationsebene. Was schon bei der Richtung des Priesters „ad populum“ problematisch ist, nämlich dass die Gemeinde sich angesprochen fühlt, wird hier nochmal verstärkt. Hier spricht nicht nur der Priester die Gemeinde an, sondern die Gemeinde kommuniziert miteinander. Und wo der Mensch auch nur in die Nähe des Fokus rückt, besteht die Gefahr von Anthropozentrismus.

Man könnte argumentieren, dass die Raumkonzeption, die Architektur keinerlei Einfluss auf die innere Haltung ausübt, sondern dass vielmehr die Haltung die Gestaltung beeinflusst. Sicher bedingt sich beides. Man darf aber die erzieherische Wirkung von Architektur keinesfalls unterschätzen. Und denke dabei einfach mal beispielhaft an eine gotische Kathedrale. Die Gotik deshalb, weil es keine baugeschichtliche Epoche gibt, die in extremerem Gegensatz zu unserer Zeit steht. Wo ich unserer Zeit am laufenden Band Anthropozentrismus unterstelle, sehe ich in der Gotik gebauten, reinsten Theozentrismus. In keinem anderen Baustil spielt der menschliche Maßstab eine geringere Rolle.

Diese Kathedrale mit ihren großen Fensterflächen aus farbigem Glas, das den Innenraum in mystisches Licht taucht und das Gefühl gibt, an einem Ort nicht von dieser Welt zu sein. Die  vertikale Konstruktion, die den Verlauf der statischen Kräfte von der Decke zum Boden nachzeichnet und gleichzeitig in Richtung Himmel strebt. Nicht auf anmaßende Weise, sondern tiefstes Begehren ausdrückend. Perfekte, harmonische Proportionen voller Zahlen-Allegorien, die sich dem Betrachter offenbaren, indem er die Perfektion der Maße eines makellosen Raums mehr empfindet als weiß.

Betritt man eine gotische Kathedrale, eine Stein und Glas gewordene Hoffnung auf das Himmlische Jerusalem, findet man sich automatisch, auch wenn man tatsächlich auf beiden Beinen steht, auf den Knien. Nicht aus Furcht, vielleicht aus Ehrfurcht, sicherlich aus Demut, aber vor allem vor Heimweh.

Das vermag Architektur. Und wo gotische Architektur den Menschen zur Vertikalität, zu Gott hin zieht und erzieht, erziehen kreisförmige Raumkonzeptionen zu Horizontalität und  menschlichen Maßstäben. Und dazu den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen, mit allen Konsequenzen.


Über die Gotik habe ich nicht zum letzten Mal geschrieben, im Gegenteil…. ♥

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9 Gedanken zu “Das Maß aller Dinge

  1. Wunderbar! Bzw. eben, äh, nicht! Also Du weißt schon.
    Ich wollte nach gewissen Kommentaren ebenfalls schon auf die gotische Sakralarchitektur eingehen – womöglich beispielhaft an Saint Denis, das passt aus tausenderlei Gründen so schön – aber ich sehe, hier kennt sich einer wirklich aus mit der Sache und nimmt mir das (gottlob!) ab. Danke…schön!

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    1. Ahh! Saint Denis! Wie alles begann, sozusagen. Ja, daran kann man sicherlich viel zeigen. Ich muss mal bei dir in den Kommentaren suchen, vielleicht bietet sich das ja an, da gezielt was dazu zu schreiben. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht immer so ins Schwärmen komme… 😉

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      1. Aber gerade das Schwelgen und Schwärmen ist es ja, was so mitreißt und mitschwärmschwelgen lässt … zumindest mich. 😉 Aber schreib‘ nur, wie Du meinst. Ich wollte eigentlich schon an mehreren Stellen etwas dazu einfließen lassen, aber wenn es ans Tippen geht, weiß ich nie, wo ich am Ende … ende. In dem konkreten Fall ging es um Ordo und Proportion, aber da gibt es ja noch eine ganze Menge mehr. Du weißt es sicher besser als ich. 🙂

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        1. Ja, das ist schon wahr. Ein bisschen Subjektivität darf schon sein. Ist ja hier keine wissenschaftliche Arbeit.
          Nunja… es gibt eigentlich so viel, was man dazu schreiben könnte…. und man kann ja auch so ins Detail gehen, Gotik ist ja nicht gleich Gotik. Oh! Und der Lettner als solcher kommt auf jedenfall auch noch dran! Viel zu sehr missachtet und missverstanden.
          Ach, da ist das schon nicht schlecht, wenn man mal so einen Impuls bekommt, womit man mal anfangen könnte. Ich schau mal auf deiner Seite. 🙂

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  2. Wo wir hier gerade schon mal beim Gotik-Anfixen sind: Das Rechteck, bzw. viel mehr das Quadrat, das vollkommene Abbild der Gottheit und des Gottesreiches, so fiel mir das hier im Nachhinein noch ein, ist ja auch so ein wichtiges Element der Theologie, Architektur, der Ästhetik der Proportion. Und in den Verhältnissen von Haupt- und Seitenschiffen klingt in der Form von Akkorden – da sind wir wieder bei Pythagoras, Augustinus und Boethius. Ordo et mensura! Ach, ist es nicht schön … und die Sache mit dem Licht ist noch nicht mal angerissen. 🙂

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    1. Hach.. das hast du aber schön gesagt…“noch nicht mal angerissen“….wo ja das Verhältnis von Haupt-zu Seitenschiffen ausgehend von vom perfekten Seitenverhältnis des Vierungsquadrats 1:1, das Göttliche, erst „nur“ der GrundRISS ist….. das Licht kommt dann im AufRISS…. nicht das Licht… DAS Licht… 😉

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        1. Ja das mit dem brennen ist halt so eine Sache… wenn das Feuer erst mal um sich gegriffen hat, muss man es erstmal wieder soweit eindämmen, dass man damit arbeiten kann… also, sozusagen von Sainte Chapelle erstmal wieder nach St. Denis oder so…;-)

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