Sicut in caelo #2

Vielleicht scheint es ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen, wenn ich mich jetzt Etwas zuwende, was zunächst mal überhaupt nicht (nur) typisch gotisch ist. Nicht so richtig zur eigentlich Gebäude-Architektur gehört aber auch nicht wirklich nur Ausstattungsstück war, etwas, was aus heutiger Sicht störend wirken mag, aber dennoch zur ursprünglichen, bauzeitlichen Raumgliederung gehörte. Ich glaube aber, dass genau hiermit eine gute Möglichkeit besteht, die heutige, moderne Sichtweise ein bisschen auf Mittelalter umzustellen.

Der Lettner

Eine steinerne, oder in manchen Fällen auch hölzerne, Konstruktion die den Chorraum vom Langhaus trennte. Je nachdem einige Meter hoch, sowohl vom Fußbodenniveau des Langhauses als auch des erhöhten Chores gesehen. Der Name verrät es aber schon fast, ein Lettner diente auch als Leseort, zu diesem Zweck bildet der Lettner auf der Oberseite eine Bühne aus, ist also begehbar und erinnert damit nicht nur durch seine Erscheinung an eine Brücke.

Auch wenn im Zuge der Reformen des Konzils von Trient die Lettner ihre Funktion und Bedeutung verloren und im Zuge dessen viele rückgebaut wurden, andere Kriegszerstörungen zum Opfer fielen,  gibt es überraschenderweise doch noch einige Kirchen in denen Lettner erhalten geblieben sind.

Lettner St.Denis
Lettner von St.Denis – Frankreich

Die Entwicklung des Lettners reicht zurück bis zu frühchristlichen Schrankenanlagen um den Altarbereich, was das trennende Element betrifft und gleichzeitig auch zu ebenso frühchristlichen Amboanlagen als Ort der Lesung und Verkündigung. Somit ein weiterer Aspekt des verbindenden Charakters der Lettner.

Schranken, das gebe ich zu, haben einen etwas störenden Beigeschmack, insofern, als dass sie einem mitteilen wollen, dass man von etwas ausgeschlossen ist. Schranken markieren einen verbotenen bzw. einen nur bestimmten Personen vorbehaltenen Bereich.

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Dom zu Münster, Foto um 1860

Sie dienen aber auch dazu einen besonderen Bereich gleichsam hervorzuheben. Eben als „besonders“. Schon die frühen Schranken trennten Sakrales von Profanem und schufen so einen geheiligten Bereich. Eine Art Allerheiligstes. Wie im jüdischen Tempel.

Gleichzeitig gehen die Schranken natürlich auch einher mit einer strikten Unterscheidung in Klerus und Laienstand. Was uns heute nicht immer so unbedingt gefällt, gerade wenn man den Klerikerstand als privilegiert betrachtet.

Ein Lettner, in seiner abschrankenden Funktion, schafft einen Raum im Raum in dem die heiligen Handlungen unter Ausschluss des Volkes vollzogen werden. Das muss man klar sagen, das war so. Aber schaut man mit dem Blick der damaligen Zeit darauf, war das sicherlich nichts unerhörtes, wie es uns heute vielleicht vorkommen mag, da man mitunter schon fast gleichberechtigt mit dem Klerikerstand um den Altar versammelt sein darf und aktiv tätig teilzunehmen pflegt. (Entschuldigung, ich kann es nicht lassen)

Und auch wenn sicherlich nicht jeder mit seinem weltlichen Stand glücklich und zufrieden war, hatte man sicherlich andere Sorgen als darüber nachzudenken, dass einem möglicherweise etwas vorenthalten werden könnte, worauf man als gläubiger Mensch Anspruch hätte. So nahm man durch nichts als seine Anwesenheit an der Messe teil. Der Klerus handelte ja für die Gläubigen.

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Dom Halberstadt- vom Chor aus gesehen Richtung Westen

Doch, wie schon gesagt,  man darf den Lettner keinesfalls nur als Trennwand betrachten. Zum einen finden sich Türen darin, deren Änderung von Größe und Anordnung möglicherweise einhergehen mit dem Aufkommen der Elevation der gewandelten Hostie. So wurden die Türen also rechtzeitig zur Elevation geöffnet. Das Volk hatte somit durchaus Anteil am gegenwärtigen Christus. Durch reines Schauen, weit seltener im Empfang der Kommunion,

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Gestaltung der Lettner hin zu immer durchsehbareren Konstruktionen, selbst bei geschlossenen Türen.

Eine weitere verbindende Komponente erfüllt der Lettner, wie schon gesagt,  als Lese- und Verkündigungsort, durchaus auch als Ort der Predigt. Je nach Größe und Ausführung wurden auch zu manchen Gelegenheiten Mysterienspiele auf der Lettnerbühne aufgeführt. Man sieht also dass dieser Baukörper der Klerus und Volk trennt und einen geheiligten Bereich schafft, der für Laien nicht zugänglich ist gleichzeitig die Funktion erfüllte durch das Wort zu verbinden und durch Sichtöffnungen die Gläubigen Anteil haben lässt an den heiligen Handlungen.

Man sollte einen Lettner, der, das muss man mit bedenken, zur ursprünglichen Raumplanung und damit Raumwirkung dazugehörte, also vielleicht weniger als gebauten Ausdruck der Geringschätzung des einfachen Volkes, als vielmehr als Schwelle zu einem sakrosankten Bereich betrachten. Ein sichtbares Zeichen der besonderen Heiligkeit eines Ortes. Und um mal eine weitere Interpretation zu wagen, zumal vor dem Hintergrund des „himmlischen Jerusalems“, das besonders die gotische Kathedrale so bildhaft darzustellen vermag, führt also diese Begrenzung dem Gläubigen auch stets vor Augen, zwar eine Ahnung davon zu haben, aber eben noch nicht angekommen zu sein. Eine Demutsübung. Sicherlich nicht die Hauptaufgabe in der damaligen Zeit, soviel steht wohl fest, aber nur mal als Gedankenspiel, für unsere Zeit wäre so ein buchstäbliches „in die Schranken weisen“ vielleicht gar nicht so verkehrt.

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4 Gedanken zu “Sicut in caelo #2

  1. Tatsächlich war der Lettner (von lectorium) nur eine „kurze Zeitspanne“ der Kirchengeschichte in Gebrauch (12.Jh.). Somit sehen wir sie in spätromanischen und frügotischen Kirchen. Später, und das sehen wir ja im Barock, sind die Lettner den großen, schweren Eiserngittern gewichen. Diese versinnbildlichten nicht mehr das, was in dem schönen Text oben beschrieben ist. Außer, dass das Gitter den Blick auf das Geheimnis des Altares frei gibt.

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