Sicut in caelo #3

Form Follows Function

In Anlehnung an den Artikel des Kollegen, in dem er ausführt, dass die Gotik nicht unbedingt neues darstellen will, sondern vielmehr kann, möchte ich hier mal einen Vergleich mit dem „Vorgängerbaustil“ der Romanik wagen um, hoffentlich, herauszuarbeiten, worin das Können liegt. Einige gotische Basics hatte ich ja schon mal erläutert, hier soll es jetzt aber um die kombinierte statische und gestalterische Funktion gehen.

Dazu muss ich zunächst mal jemanden vorstellen:

DIE BASILIKA

Der Gebäudetyp der Basilika war für viele hundert Jahre der vorherrschende Typ für christliche Sakralbauten. Auch in der Gotik noch für lange Zeit. Anhand dieses Typs kann man deshalb auch, natürlich nur ganz pauschal, einige Dinge in einer Gegenüberstellung mit der Romanik zeigen, die ich für besonders bemerkenswert und wichtig für die Gotik halte.

Aber zunächst mal, das hier ist eine Basilika. Ganz schematisch zwar, aber es zeigt die wesentlichen Merkmale. Das Hauptschiff mit Fenstern im oberen Bereich und die niedrigeren Seitenschiffe, in diesem Fall mal nur zwei, ebenfalls mit Fenstern.

basilika
Basilika (Schema)

Wie man also sieht, ist hier die Gliederung der Innenwände zu einem bestimmten Grad vorgegeben. Der Übergang von Haupt zu Seitenschiffen als Arkade, darüber ein mittlerer Bereich, der entweder frei bleibt, Bilder, oder Blendarkaden („Zierarkaden“ ohne wirkliche Funktion)  enthält oder sehr oft in der Romanik eine Empore. Darüber die Fensterebene des Hauptschiffs. So ergibt sich, alleine durch den Gebäudetyp der Basilika eine Dreiteilung (manchmal auch Vierteilung, insbesondere bei romanischen Emporenbasiliken)

Eine solche Horizontale Gliederung in mehrere Zonen bewirkt zunächst mal eher das Gegenteil eines in die Höhe strebenden Raumes.

Schaut man sich mal ein Bild des Speyerer Domes an, ein ausgesprochen „typisch“ romanisches Beispiel, erkennt man auch hier prominente vertikale Elemente, die auch tatsächlich von oben bis unten durchlaufen. Den Arkadenpfeilern vorgelagerte Halbsäulen, die in die Jochbögen übergehen. Gerade diese Verbindung von Wand mit Decke ist, neben der statischen Funktion, auch Stilmittel um Höhe und Vertikalität zu „generieren“.

IMG_0132~2
Gewölbejoche

Im Grunde macht auch die Gotik gar Nichts anderes, aber mit besseren Mitteln.

Ich hatte ja anfangs schon drüber geschrieben, durch die Entdeckung der Strebepfeiler / Strebebögen als äußeres Stützsystems, war man in der Lage die Fensteröffnungen zu vergrößern, da man die Wände nur noch da verstärkt hatte, wo es statisch notwendig war. Und die spitzbogige Form der Fenster und Arkadenbögen weisen, alleine durch die Spitze die sie ausbilden, nach oben und sind gestreckter, als eine Rundbogenöffnung.

Um da mal gegenüberzustellen hier zwei einfache, schematische Wandaufriss-Skizzen, mit exakt gleichen Breiten der Wandflächen und Pfeiler. Einzig die Fenster sind unterschiedlich groß und geformt.

rom
Wandgliederung romanisch
go
Wandgliederung gotisch

Beim Speyerer Dom ist außerdem festzustellen, dass, wie schon erwähnt, die Jochbögen mit den Wandpfeilern verbunden sind. Innerhalb der Joche befinden sich Kreuzgratgewölbe.

IMG_0131~2
Kreuzgratgewölbe Schema

(Eine Gewölbeform, die dich durch die rechtwinklige Verschneidung von zwei Tonnengewölben ergibt und die statisch ebenso flächig funktionieren, wie Tonnengewölbe)

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Dom Speyer

Was, wie ebenso zu Anfang erwähnt, die Gotik an technischer Weiterentwicklung für sich, sowohl konstruktiv als auch gestalterisch nutzt, sind die Kreuzrippengwölbe. Hier hat tatsächlich nur die Rippe tragende Funktion, die Flächen dazwischen sind mit leichterem Stein einfach nur ausgefüllt.

Da nun statisch für das Gewölbe alleine die Rippen verantwortlich sind, wird deren Last durch unterschiedlich dicke Säulchen abgetragen, die sich für den vertikalen Lastabtrag an einem Punkt treffen und zu Bündelpfeilern zusammenschließen. Hierdurch ergibt sich umgekehrt das Bild von mehreren verhältnismäßig dünnen, schlanken „Stäbchen“ die die Wand hochkriechen und sich an der Decke verteilen. Also würden sie sich an der Decke aufspannen, wie Zeltstangen. Diese stärker betonte Verbindung von Wand und Decke, durch gleichmäßig über die gesamte Gewölbefläche verteilte Rippen mit den vertikalen Bündelpfeilern spannt über dem Betrachter ein „Himmelszelt“ auf und schafft gleichzeitig auch eine Verbindung von Himmel und Erde. Durch Rippen und Pfeiler fließt gleichsam Gotten Liebe und Gnade nach unten und gleichzeitig streben Begehren, Bitten, Gebete und Sehnsucht nach dem wahren himmlischen Jerusalem nach oben.

Zur Perfektion gebracht, wird das Bild des filigranen Zeltes im späteren Verlauf der Gotik, wo man sich vom Gebäudetyp der Basilika immer mehr wegbewegt. Hin zu Saal-und Hallenkirchen. Bei erstem Typ erreichen quasi die Seitenschiffe der Basilika gleiche Höhe wie das Hauptschiff und ergeben einen durchgehend gleichhohen Raum, der durch Säulenreihen unterteilt ist. Die Hallenkirche hingegen, hat keine Säulen und ist somit einfach ein einziger großer Raum ohne jegliche Unterteilung. Querschiffe fallen hier meist ganz weg.

IMG_0128~2
Sainte Chapelle Paris

So ergibt sich ein räumlich recht einfaches, fast reduziertes, filigranes Himmelszelt mit großen Fensterflächen die fast die gesamte Wandhöhe durchgehend einnehmen, ohne horizontale Unterteilung. Auch von außen übrigens wirkt dieser Gebäudetyp weitaus ruhiger und weniger zerklüftet, da komplizierte Strebebögen, durch den Wegfall der unterschiedlichen Schiffhöhen unnötig werden und lediglich Strebepfeiler zur Verstärkung bleiben.


Teil # 1

Teil #2

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7 Gedanken zu “Sicut in caelo #3

  1. Beim Lesen der ersten Zeilen dachte ich mir ehrlich gesagt: Ein Schritt vor und zwei zurück. Wenn es so weitergeht, müssen wir bald über die Ausstattung des ersten Tempels zu Jerusalem sprechen. 😉 (Und das wäre gar nicht so verkehrt!)
    Mal wieder vielen Dank für den lehrreichen Beitrag!

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    1. Der erste Tempel, stimmt!! Aber ist das nicht schon viel zu weit fortgeschritten? Ich denke, die Stiftshütte sollte da doch zuerst…. daran mußte ich gestern beim schreiben sogar denken… Zelt halt…. 😉 Ach, vielleicht sollte man mal über den Tabernakel als solches…?

      Gefällt 2 Personen

      1. Und auch DARAN dachte ich schon. 😀 Erinnert mich auch an die deutsche Unsitte, Tabernakel nicht mit einem Velum auszustatten … aber gut, da verlassen wir schon fast die Sakralkunst und nähern uns der Rubrizistik an.
        Apropos, da war doch was … und zur Gotik wollte ich auch noch was schreiben. Muss an der Zeitumstellung liegen, dass ich gerade nichts geschafft bekomme …

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        1. Na hömma! Sakralkunst-Rubrizistik, wer wird denn da groß trennen wollen…? Es ist alles Eins…. irgendwie jedenfalls…. und natürlich auch nur im besten Fall…
          Aber Tabernakel und Gotik ist natürlich wirklich ein schönes Thema. Die gotischen Sakramentshäuser….
          Mir fiel übrigens im Totenoffizium, was nettes auf… 2. Nocturn, Psalm 26 . Und es passt ja auch so schön zu Allerseelen nächste Woche…

          Ja…. die Rubrizistik. Aber stress dich nicht deshalb! Mir geht das ähnlich mit der Zeit, die vergeht einfach gerade zu schnell…;-)

          Gefällt 1 Person

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