Sicut in caelo #4

Licht vom Licht – kleiner Ausflug ins frühe Christentum

Mit großen Schritten nähere ich mich dem 1. Jerusalemer Tempel… Zuvor allerdings noch ein kurzer Halt in der Spätantike. Um es nochmal klar zu sagen, es geht hier weiterhin tatsächlich und eigentlich um die Gotik und doch, ich halte einige Rückgriffe für notwendig.

Wir müssen mal über den Osten sprechen. Über die Richtung der aufgehenden Sonne und über die Richtung des Gebetes.

In frühchristlicher Zeit hatte die aufgehende Sonne sicherlich einen mehr als nur symbolischen Wert. Sie, bzw. die östliche Himmelsrichtung, war DIE Richtung des gekreuzigten, sowie des auferstandenen Christus, die Richtung der Wiederkunft. Die Richtung aller Verheißung. Also auch die, in die das Gebet zu richten natürlich am sinnvollsten war. Da hier wirklich etwas zu Erreichendes war.

Dieser durchaus starke Fokus auf die östliche Himmelsrichtung brachte mindestens zwei Schwierigkeiten mit sich. Zum einen wurde die Richtung des Gebetes zur Sonne hin heidnischerseits möglicherweise als Verehrung eines Sonnengottes gedeutet, zum anderen kann man durchaus vermuten, dass es, zumindest zeitweise, eine gewisse Konkurrenz zwischen der östlichen Richtung und dem auf dem Altar gegenwärtigen Herrn gegeben haben könnte.

Belege, oder vielleicht besser, deutliche Hinweise auf die Bedeutsamkeit der Richtung finden sich etliche. Da dieses Thema eigentlich ohnehin viel zu umfangreich ist, um es mal eben in einem kurzen Blog-Artikel zusammenzufassen, seien hier beispielhaft angeführt:

Aus dem II. Buch der sogenannten „Apostolischen Konstitutionen und Kanones“ aus dem 4. Jhd, Kapitel 57 Von den Verrichtungen des Klerus und der Laien beim Gottesdienste heißt es:

„Darauf sollen Alle sich erheben und gegen Sonnenaufgang schauen und, nachdem die Katechumenen und Büßenden die Versammlung verlassen haben, ein Gebet zu Gott verrichten, der da herrschet über die Himmel der Himmel, gegen Aufgang, und hierbei sich erinnern der anfänglichen Weide des gegen Morgen gelegenen Paradieses, aus welchem der Mensch, weil er Gottes Gebot verachtet und dem Rathe der Schlange geglaubt, verstoßen worden ist.“1) 

Bei den Kirchenvätern finden sich häufig Hinweise auf eine Wendung nach Osten, um mal etwas davon herauszugreifen:

Zahlreiche Predigten des hl. Augustinus enden mit den Worten, mit dem Gebet, das mit seinen ersten Worten zur Hinwendung zu Gott aufruft:

 „Conversi ad Dominum Deum Patrem omnipotentem […]“

„Hingewandt zum Herrn, Gott, allmächtigem Vater[…]“

Augustinus führt das sogar noch weiter, indem er auf die innere Ausrichtung hinweist. Aber gerade dadurch wird deutlich, dass es eben auch eine deutliche physische Ausrichtung nach Osten gegeben haben muss.

[…] Convertis corpus ex cardine in cardinem: cor converte ex amore in amorem[…]“

„[…] Du kehrst deinen Leib von einer Himmelsrichtung in die andere. Wende dein Herz von einer Liebe zur anderen[…]“ 2)     

Augustinus scheint also die damals übliche Praxis des körperlichen Hinwendens zu Gott aufzugreifen und auf die Wichtigkeit auch die innere Zuwendung hinzuweisen.

Darüber hinaus finden sich Hinweise auf die Wichtigkeit der Hinwendung nach Osten auch in orientalischen Liturgien, in denen der Diakon, wie etwa in der Markus-Liturgie, aufruft: „Schaut nach Osten“ 

Man muss sich vor Augen halten, dass zur damaligen Zeit die Liturgie nicht annähernd so vereinheitlicht und „gleich“ war, wie heute ach…was rede ich…wie bis vor kurzem. Und damit auch nicht die Innenausstattung der Kirchen.

Dazu möchte ich kurz als Beispiel die römischen Basiliken anführen. Nehmen wir hierzu mal Alt St.Peter, der Vorgängerbau des heutigen Petersdomes.

Alt-SP
Alt St. Peter – Rom

Sicher ist, es ist eine der für Rom nicht untypischen „eingangsgeosteten“ Basiliken. In der Apsis im Westen befand sich über dem Grab des Apostels Petrus eine Memoria. Ob auch hier schon von Beginn an der Altar stand oder nicht, ist hingegen nicht zweifelsfrei klar. Es war sehr wahrscheinlich, dass auch der Zelebrant nicht in Richtung der Apsis schaute sondern in Richtung der Türen, nach Osten. Das  dürfte nichts allzu neues sein, da es ein beliebtes Argument für die VP-Zelebration darstellt und gerne und häufig Anwendung fand und findet.

Nach allem was schon über die Wichtigkeit der östlichen Himmelsrichtung angerissen wurde, ist es aber keineswegs selbstverständlich, dass die gläubige Menge sich „vis a vis“ dem Zelebranten befand, sondern sich in die gleiche Richtung, nämlich in Richtung der Türen wandte.

Hier begegnet man dann auch direkt dem Problem des Zwiespaltes zwischen Altar und Osten. Dem auf dem Altar gegenwärtigen Herrn und der Richtung des auferstandenen und erwarteten Christus.

Mit heutigen Augen betrachtet, müsste man meinen, es sei vollkommen klar, dass eben nicht die Himmelrichtung entscheidend gewesen sein kann, sondern das Geschehen am Altar.

Möglicherweise, aber das ist reine Spekulation, war die Eingangsostung sogar beabsichtigt um durch das Öffnen großer Portale eben genau den Blick, die direkte Beziehung zum Osten, zu Christus zu schaffen.

Sehr sicher ist, dass in früherer Zeit, noch im Mittelalter sehr viel mehr Bewegung in der Kirche herrschte. Es gab ja keinerlei Bänke. Man saß vielleicht auf dem Boden, stand, vor allem beim Gebet und so ist es möglich, dass man sich auch von einer Richtung zur anderen drehte und so zwischen Blick nach Osten und Blick auf den Altar wechselte.

Wir können bedauerlicherweise keine Zeitzeugen befragen. Wenn es beabsichtigt war, hat sich dieses System jedenfalls nicht durchgesetzt.

Das Vorkommen eingangsgeosteter Kirchengebäude ist gering. In der Regel waren schon von Anbeginn die Kirchen mit der Apsis nach Osten ausgerichtet, sodass Altar und östliche Himmelsrichtung in einer Blickrichtung lagen.

Das eigentliche Problem bestand lange Zeit aber darin die östliche Richtung, die Richtung des Lichtes deutlich zu machen.

Das hinwenden zur aufgehenden Sonne, nicht nur symbolisch sondern tatsächlich verlor sicherlich zugunsten der Ausrichtung auf den Altar, der ja ohnehin meist gen Osten ausgerichtet war, ein Stück weit an Bedeutung. Oder vielmehr, es war nicht recht bewusst.

Schaut man sich vergleichender weise vorgotische und gotische Sakralbauten an, wird man feststellen, dass man in vorgotischen allzu oft in Richtung Altar gleichzeitig in ein „dunkles Loch“ schaut.

IMG_0128~2
St.Chapelle – Paris
IMG_0127~2
Dom zu Speyer

Die Gotik brachte es schließlich mit sich, durch die Möglichkeit großer Fensteröffnungen, in vielfältiger Weise mit dem Licht zu arbeiten. Alleine die Tatsache hinter dem Altar das Licht zu schauen, nicht der Ausblick nach draußen, sondern die Illumination als Solche, eigentlich des ganzen Altarraumes, aber eben auch als richtungsweisend Element, über den Altar hinaus. Das, wofür ich hier sehr weit in die Vergangenheit ausgeholt habe, ist nur ein Aspekt des gotischen Lichts.

Zusammen mit dem, im vorigen Teil besprochenen, Aspekts des Wand und Decke umspannenden Rippen und Wandpfeiler-Gerüsts entsteht hier eine besonders deutlich und nicht zu übersehende vorwärts, Richtung Osten drängende Dynamik.


 

1)Die sogenannten Apostolischen Constitutionen und Canonen. Aus dem Urtexte übersetzt von Dr. Ferdinand Boxler. (Bibliothek der Kirchenväter, 1 Serie, Band 19), Kempten 1874.

2) Augustinus Sermones, Sermo 130-12.

Literatur zum Thema

Conversi ad Dominum – Zur Geschichte und Theologie der cristlichen Gebetsrichtung Uwe Michael Lang, Johannes Verlag

Sol salutis: Gebet und Gesang im christlichen Altertum : mit besonderer Rücksicht auf die Ostung in Gebet und Liturgie

Liturgiegeschichtliche Forschungen Franz-Joseph Dölger, Aschendorff,1925

( Liturgie und Architektur Louis Bouyer, Johannes Verlag )

Und natürlich, as always:

Der Geist der Liturgie Joseph Kardinal Ratzinger

Advertisements

7 Gedanken zu “Sicut in caelo #4

      1. In dieser Sache wollte ich – Gentleman, der ich bin – Dir den Vortritt lassen. Schreib‘ doch auch noch was über die Orientierung der Opferhandlungen Abels, Abrahams und Melchisedechs! 😉
        Aber eigentlich wollte ich mehr über den metaphysischen Aspekt schreiben, um mal wieder was von meiner Ästhetik-Serie aufgreifen zu können …

        Gefällt 2 Personen

        1. Ja, stimmt! Das sollte ich unbedingt, um mal den Aspekt einer korrekt ausgeführten Opferhandlung zu unterstreichen! 😉 Dazu dann noch den Vers „memor sit omnis sacrificii tui et holocaustum tuum pingue fiat“ aus dem Psalm 20 und schon hat man eine schöne Begründung für anständig gefeierte Messen…irgendwie krieg ich die Gotik da auch noch rein.. 😉

          Ja, sehr schön! Das hatte ich vermutet und gehofft, dass du dazu was schreibst! Sehr gut! 🙂

          Gefällt 1 Person

          1. Kennst Du eigentlich die Arbeiten Stefan Heids, der eine ziemliche Autorität in Sachen christlicher Archäologie ist … und die ganzen alten Geschichten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts kompetent auf den Müllhaufen der Geschichte brachte?
            In Bezug zum aktuellen Thema ist besonders dieser Text lesenswert: http://www.goerres-gesellschaft-rom.de/images/stories/pdf/augenerhebung_internetfassung_komp.pdf (insbesondere ab S. 20 zur Ostung). Er vertritt da, zumindest in Bezug auf die römischen Basiliken, eine etwas andere Auffassung als Du, aber interessant ist es allemal. S. 27ff zur Orientierung in Nordafrika und Augustinus musst Du Dir auf jeden Fall anschauen!

            Gefällt mir

  1. Klar, Augustinus sagt natürlich nichts von Osten, sondern vielmehr über das „zum Herrn hinwenden“.
    Interessant finde ich auf jedenfall dass er von einem „idealen Osten“ schreibt, Der dann später wieder zum „echten“, geographischen Osten wurde um heute wieder vielfach „nur“ symbolisch zu sein…Dennoch scheint sich ja, zumindest für viele Jahrhunderte die Wichtigkeit des wahren Ostens durchgesetzt zu haben.

    Was ich aber abgesehen davon auch besonders bemerkenswert finde, ist, dass das Beachten des Geschehens am Altar erst dann interessant wurde, als dort überhaupt irgendwas sehenswertes passierte, im Mittelalter. Das unterstützt die Theorie des modernen „front-cooking“. Solange da nichts sehenswertes passiert, ist der Altar zwar keineswegs unwichtig aber längst nicht so interessant…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s