Sicut in caelo #5

Das gotische Lichtspielhaus

Gelegentlich sprach ich schon von einem der großen, bedeutenden Merkmale der Gotik. Die „aufgelösten Wände“, die großen Fensteröffnungen. Ohne bisher mal ein klein wenig ins Detail zu gehen.

800px-Bebenhausen_Window
Es ist ja nun nicht so, dass wir an gotischen Kathedralen und Kirchen einfach nur große Wanddurchbrüche haben, die flächig verglast sind. Auch bei den Fensteröffnungen begegnet uns jede Menge, was man als „typisch Gotik“, als besondere Erkennungsmerkmale bezeichnen kann. Zum einen natürlich, auch hier, in der äußeren, umfassenden Fenstergestalt, begegnet uns der Spitzbogen wieder. Das einzelne, übergeordnete Spitzbogenfenster ist aber in sich nochmal weiter unterteilt. Und das natürlich nicht (nur) aus gestalterischen, dekorativen Gründen, sondern in erster Linie aus konstruktiven. So finden wir, in der Regel und ganz pauschal, immer nochmal vertikale Unterteilungen, sowie, meist im oberen eigentlichen Bogen das gotische Maßwerk. Streng geometrisch, mit Hilfe von Kreisen, bzw. Kreissegmenten konstruierte „Muster“, die auf Steinplatten übertragen wurden, wo man dann in, sicherlich mühevoller, Arbeit die Zwischenräume herausgearbeitet hat.
Aber nicht nur das einzelne Maßwerk war streng geometrisch konstruiert. Die Komposition des Gesamten Fensters, bestehend aus mehreren kleinen und großen Bögen und Kreisen, ist kein willkürlich, nach persönlichem Geschmack und Gutdünken zusammengestelltes Dekor, sondern hier bedingen sich alle Maße gegenseitig, Radien sind voneinander abhängig und ergeben so am Ende ein harmonisches Bild.

Maßwerk
Bei frühen Formen, wie bei den Langhausfenstern der Kathedrale von Chartres  erkennt man, wie hier noch, fast vorsichtig herantastend, eher einzelne Formen aus einer Fläche herausgearbeitet wurden.

Chartres PlattenmaßwerkChartres-Triforium
Später entwickelte sich die Gliederung der Fenster zu immer weiter und filigraner unterteilten „Binnenstrukturen“ aus zusammengesetzten Steinprofilen. Die, da sie ja aufgrund ihrer Höhe enormen Windkräften ausgesetzt waren, nicht einfach aneinander mit Mörtel „geklebt“, sondern mittels z.T. langer Eisendübel verbunden wurden.
Die Flächen unterhalb des Bogens und des Maßwerks boten jede Menge Platz um mit allerhand figürlichen Darstellungen gestaltet zu werden. Biblische Szenen oder Abbildungen aus dem Leben von Heiligen. Erbauliche, belehrende, abschreckende Illustrationen, die jeder verstehen konnte.

Anna selbdritt

All das hatten davor auch schon Wandgemälde geleistet. Durch die Darstellung auf dem transluzenten Material Glas war die Wirkung allerdings noch um ein Vielfaches eindrucksvoller.

Es wurde ja schon hier und da angedeutet, das Licht, das für die Gotik eine herausragende Rolle spielt. Ich sprach über die Belichtung des Chorraumes und über lichtdurchflutete Glastempel, wie die Ste. Chapelle zu Paris (um mal bei einem schon bekannten Beispiel zu bleiben)
Das stimmt so aber leider nur zum Teil und eher für die spätere Gotik (und für die „Zisterziensergotik“ )

Chartres Chorumgang
Die Gotik war, um die Wahrheit zu sagen, ziemlich lange, ziemlich finster. Trotz immer größer werdender Fensteröffnungen. Der Grund: diese wurden voll flächig mit bemaltem, gefärbtem Glas verschlossen. Das Licht kommt auf diese Weise gefiltert in die Augen des Betrachters. Er sieht hinterleuchtete bebilderte Szenen, leuchtende Muster, farbige Lichtstrahlen, die in das Gebäudeinnere einfallen. Ein Filter von innen und außen. Von dieser Welt und einer anderen. Aber hier will ich dem Herrn Kollegen  nicht vorgreifen.
Selbst heute sind wir alle doch immer noch mehr oder weniger fasziniert von Licht. Von den farbigen Schatten an der Wand, ausgehend von einer bunten Laterne. Oder meinetwegen die tanzenden Punkte einer Diskokugel…. Hier in Frankfurt haben wir alle zwei Jahre die Luminale, bei der in der ganzen Stadt mehr oder weniger schöne, interessante, faszinierende Lichtinstallationen zu bewundern sind. Und jedes Mal zieht dieses Ereignis Unmengen an Menschen an. Obwohl wir heute über die Physik des Lichtes im Bilde sind und uns das alles erklären können (theoretisch jedenfalls… nicht, dass ich da jetzt aus dem Stegreif Bescheid wüsste…. Aber man ist grundsätzlich in der Lage dazu). Wie viel faszinierender, unerklärlicher und übermenschlicher muss das Licht für die Menschen im Mittelalter gewesen sein..?
Verweisen will ich außerdem noch auf einen Artikel von der Kollegin von nebenan über die Liebfrauenkirche in Trier .
Ich bin zwar wahrlich kein Spezialist für Glaskunst, der Vollständigkeit halber, will ich es aber trotzdem kurz und unvollständig beschreiben . Nach einem Entwurf wurde zunächst das Bleinetz, das die einzelnen Glasscheiben zusammenhält festgelegt, daraufhin die einzelnen Scheibchen zurecht geschnitten und bemalt. Für Schattierungen und Linien verwendete man sog. Schwarzlot, das- je nach Verdünnung – nahezu Lichtundurchlässig blieb. Anschließend wurden die Glasscheiben gebrannt, damit sich Farbe und Glas verbinden konnten. Im Anschluss an diesen Prozess, sofern alles gut gegangen war, konnte man damit beginnen, die Scheibchen mittels H-oder U-Förmiger Bleiprofile zu verbinden, indem die Bleistege miteinander verlötet wurden.

Um auch die so entstandene „Fensterscheibe“ gegen den Wind zu sichern, befestigte man in regelmäßigen Abständen kleine Schlaufen an den Bleiprofilen, durch die dann später dünne Eisenstangen geführt wurden, die wiederum in der Wand befestigt wurden. Andernfalls hätte ein solches Werk keine lange Lebensdauer gehabt.
Da ich es oben schon angedeutet hatte… Im späteren Verlauf der Gotik wurde es wieder zunehmend heller. Es wurde zwar weiterhin buntes Glas eingesetzt, aber nicht mehr so ausschließlich. Es kamen auch klare Glasflächen zum Einsatz, im Wechsel mit bunten Motiven.

Advertisements

7 Gedanken zu “Sicut in caelo #5

  1. Danke für den Beitrag! Ich hoffe, ich komme tatsächlich bald mal dazu, weiterzumachen … gerade bin ich etwas überladen.
    Du weißt es wahrscheinlich sowieso, aber schau Dir auch mal die nördliche Fensterrose in Chartres an. Da taucht nämlich auch unser geliebtes Geviert wieder auf. 🙂 Ganz abgesehen natürlich davon, dass der Kreis ohnehin als vollkommenste Form galt. Die Armenbibel ist mMn ein zwar auf jeden Fall vorhandenes, aber untergeordnetes Motiv … unter das Motiv der vom göttlichen Geometer bestimmten Ordnung und Schönheit.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich hoffe, du fühlst dich nicht unter Druck gesetzt, durch meinen Verweis auf dich…. das war nämlich nicht meine Absicht! 🙂

      Also, seit ich mich gestern selbst mal etwas an der Konstruktion verschiedener Maßwerkformen versucht habe, muss ich wirklich sagen, dass ich den Kreis noch mehr zu schätzen weiß! Im Ernst, das hatte sich wirklich mal gelohnt! Und auch die ganzen Maßbezüge untereinander… das ist schon sehr großartig! Und ich hab das ja nur nachvollzogen, die damals haben das selbst hergeleitet!

      Gefällt 1 Person

    2. Ach so, vergessen: Dass die Bilder nicht unbedingt aus reiner Nettigkeit den des Lesens Unkundigen gegenüber gearbeitet wurden, ist ja klar…Aber sie dürften schon einen entsprechenden Eindruck hinterlassen haben…Waren ja auch oft Mittel zur Selbstdarstellung von Stiftern…. Allerdings muss man auch hier wieder mal klar drauf hinweisen, dass nicht alle Menschen regelmäßigen, oder überhaupt, Zugang zu den großen Kathedralen hatten….

      Gefällt 1 Person

      1. Das sollte ohnehin mein nächstes Thema werden, bevor es ans Licht gehen kann. 🙂
        Die soziokulturellen Bedingungen des Kathedralbaus sind ja eigentlich auch noch mal ein ganz eigenes und großes Thema für sich … aber, ich werde es sicher nicht aufgreifen. 😉
        Und keine Sorge, selbst der größte Druck weiß meine Trägheit kaum zu bewegen. 😉

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s