Trauern um Nachsicht

von Schwäche und Krankheit

Wenn heut zu Tage der Priester keine so strenge Buße mehr auflegt, als es in jenen frühern Zeiten der Fall war, so geschieht es nicht deßwegen, weil man zur Einsicht gekommen ist, daß man ehemals zu streng gewesen ist, oder weil etwa in unserer Zeit die Gerechtigkeit Gottes eine andere geworden ist, und sich mit einer geringeren Genugthuung begnügt, sondern deßwegen ist eine Milderung eingetreten, weil die Lauheit des Zeitalters die Einhaltung der ehemaligen Strenge unmöglich macht. Die Kirche wählt wie überall so auch hier das kleinere Uebel, um das größere zu vermeiden. Eine giltige Beicht befreit von der ewigen Verdammniß auch ohne Uebernahme der für gewisse Sünden vorgeschriebenen Bußwerke. Jemand, der sich dieser unterzöge, hätte Hoffnung, auch für seine zeitlichen Strafen der göttlichen Gerechtigkeit Genugthuung zu leisten, und den Qualen des Reinigungsortes zu entgehen. In der frühern Zeit hielt man den Büßer dazu an und bei dem allgemeinen Eifer, von welchem die Gläubigen beseelt waren, ließ sichs auch jeder gefallen, der die Aussöhnung mit Gott wahrhaft suchte. Diese Strenge der Kirche war wegen des damals herrschenden Seeleneifers den Gläubigen sehr heilsam denn sie hatten Gelegenheit, in kurzer Zeit und verhältnißmässig mit geringerer Mühe das abzubüßen, wofür sie im Fegfeuer lange und noch viel qualvoller hätten leiden müssen. Heut zu Tage aber ist das Verhältniß ein umgekehrtes, unsere verweichlichten Zeitgenossen, denen Alles zu streng und zu hart ist, würden sich der ehemaligen Buße nicht mehr unterziehen. Man vergißt ja schon oft die wenigen Vater unser, die man einige Tage hindurch zu beten aufbekömmt. Die Auflegung der ehemaligen Bußwerke würde also den Gläubigen nicht nur nicht heilsam, sondern vielmehr schädlich werden. Statt die Strafen des Fegfeuers abzubüßen, würde man sich vielmehr der Gefahr aussetzen, der Hölle anheimzufallen; denn wer die vom Beichtvater aufgelegte Buße nicht verrichtet, begeht eine schwere Sünde. Wie nun die Kirche in den übrigen Disciplinargesetzen z. B. im Fasten hat Linderung eintreten lassen, so auch bei den in der Beicht aufzulegen den Bußwerken. In gefährlichen Zeiten schätzt man sich glücklich, nur das Wesentlichste zu retten; so ist auch die Kirche in unsern ungläubigen Tagen froh, wenn es ihr nur gelingt, die Seelen den Flammen der Hölle zu entreißen, und laßt es ihnen selbst über, ob sie sich auch vor dem Fegfeuer bewahren wollen. Darüber aber soll sich Niemand freuen, im Gegentheil, er soll darüber seufzen und trauern, daß die Kirche mit uns so nachsichtig seyn muß. Dieß ist ein Zeichen daß wir sehr schwach, ja krank sind; denn nur Schwächlingen und Kranken muß man in allen Dingen Nachsicht angedeihen lassen. 1)

Wie man unschwer erkennen kann, habe ich eine große Liebe zur Erbauungsliteratur des 19. Jahrhunderts. Unter anderem sicherlich deshalb, weil Parallelen zu unserer Zeit uns doch immer wieder beruhigend schmunzeln lassen „Ach schau an, damals war das auch schon so.“  mit dem ganz bestimmt häufig, zumindest gefühlten Nachsatz „Dann ist es ja nicht so schlimm“

Es ist noch nicht lange her, da durfte ich in einer Predigt zum wiederholt-, wiederholt-, wiederholten Male hören, sinngemäß, die Kirche und der Glaube haben schon viele Krisen überstanden, man denke nur an die Französische Revolution und die Zeit danach, die in übergroßer Frömmigkeit mündete. Das mag ich auch gar nicht zur Gänze bestreiten. Finde aber, dass diese Argumentation ein etwas zu schlichter Ansatz ist, der, ein Stück weiter gedacht, zu ganz anderen Einsichten führt, führen kann.

Jene, sicherlich gut gemeint beruhigende Argumentation verleitet zu der Vorstellung einer Wellenbewegung mit Hoch und Tiefpunkten entlang einer Zeitachse.  Man gewinnt beinahe den Eindruck einer Art natürlicher Schwankung auf die man kaum einen Einfluss hat und die sich möglicherweise sogar  von selbst reguliert.

Unzählige Textausschnitte hätte ich hier beispielhaft zitieren können. Ich wählte jene, denn ich meine hier besonders schön erkennen zu können, wie fehlerhaft doch die Vorstellung von Parallelen ist und wie vielmehr ein Abwärtstrend deutlich sichtbar wird.

Bei aller Ähnlichkeit in Entgegenkommen, Nachsicht, Vereinfachung  ging es hier noch darum „Seelen den Flammen der Hölle zu entreißen“ aber eben nicht  „weil etwa in unserer Zeit die Gerechtigkeit Gottes eine andere geworden ist, und sich mit einer geringeren Genugthuung begnügt“.  Inzwischen scheint dies aber der Fall zu sein.

Die besagte „Schwäche und Krankheit“ der Lauheit und Neigung zur Weltlichkeit,  die die Kirche seinerzeit berücksichtigte, wohl in der Hoffnung Glauben und Gläubige über die Zeit zu retten, scheint eine schwer ansteckende zu sein, dass nun auch der helfende Pestdoktor der Seuche anheimgefallen ist….


 

1)Dr. Thomas Wiser, „Der Christ in der Buße, oder ausführliche Anleitung, eine würdige Beicht abzulegen“; München 1845

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