Vermeiden, ins Presbyterium zu rotzen

Im Grunde habe ich die Lösung, aber ich trau mich nicht, sie zu verraten.

Dann und wann pflege ich schlampige Zelebration zu beklagen. Wie ich immer noch finde, mit Recht. Nicht umsonst ist ein Priester angehalten „alles zu vermeiden, was das ästhetische Empfinden der Gläubigen verletzen könnte“, wie wörtlich „im Lurz“ und in ähnlichen Formulierungen in vielen anderen an Priester gerichteten Büchern und Büchlein nachzulesen ist.

Jetzt ist mein ästhetisches Empfinden so häufig verletzt, dass man es schon beinahe als chronisch bezeichnen könnte. Und das liegt weniger an, mit schöner Regelmäßigkeit vorkommenden, groben Schnitzern, sondern an jenem Sachverhalt, den ich durchaus für jene Fehler verantwortlich mache, der aber für sich genommen schon nicht ganz unproblematisch ist. Die Alte-Messe-Hobby-Zelebration. Ich sprach das Problem auch schon mal in einem früheren Beitrag an. Möchte das hier aber noch mal etwas genauer betrachten.

Dort, wo ich der Messe beizuwohnen pflege, zelebrieren ausschließlich, bis auf sehr wenige, seltene Ausnahmen, eben jene Gelegenheits-Zelebranten, die ansonsten im Novus Ordo zu Hause sind. Das tun diese auch nicht deshalb, weil sie das kürzere Streichholz gezogen hatten, sondern durchaus aus Überzeugung.  Nun dürfen die das natürlich tun, ist ja (noch) nicht verboten.

Aber:  Ein solcher Gelegeheits-Bi-Ritualismus birgt, wie ich mehr und mehr erkenne,  Problempotential. Und zwar ganz objektiv, weder besonders positive noch negative Einzelfälle betreffend, noch per se als Anklage zu verstehen.

Wer von der Richtigkeit des stark vereinfachten Ritus der Neuen Messe überzeugt ist, der auf so viele Gesten, Zeichen und Texte verzichtet, und das sicherlich nicht bedauernd, sondern weil für unnötig befunden, kann eigentlich nicht ohne schizophren zu sein, gleichzeitig von der Richtigkeit des alten Ritus überzeugt sein. Er kann die alte Messe sicherlich schön finden, in ihrer Historizität, wie man alte Dinge eben schön findet, rückblickend, romantisierend und gleichzeitig auch ein bisschen froh drum, dass es vorbei ist. Als gelegentliches Nachempfinden äußerer Formen vergangener Tage, Reenactment, wie ich es schon nannte, ist es schön, aber gleichzeitig ist man sich der Überkommenheit gewiss. Wie könnte man also all die genau festgelegten Bewegungsabläufe und Gesten, die vielen Kreuzzeichen, Augenerhebungen, Verneigungen etc. mit jener gebotenen Gewissenhaftigkeit und Ehrfurcht vollziehen, wenn man von deren unbedingten Notwendigkeit nicht überzeugt ist? Es liegt auf der Hand, dass das Fehlen der inneren Haltung, direkt mit einer mangelhaften Äußeren Haltung verbunden ist und somit viel eher zu Fehlern führt. Das Gewohnt sein an relative Unverbindlichkeit in der rituellen Ausführung macht den Umgang mit einem vergleichsweise engen „Korsett“ fast unweigerlich schwer.

Es ist aber ausser diesem Allem würdige Haltung Pflicht. Man soll nicht die Augen umherschweifen lassen, den Kopf da und dorthin wenden, um zu sehen , was in der Kirche vorgehe. Die Ceremonien müssen mit Ernst aber ohne Gezierlichkeit verrichtet werden, die Augen dürfen bey der Wendung gegen das Volk nicht umherrollen.

Pflichten der Priester. Nach dem Französischen bearbeitet von Friedrich Hurter, 1844

Neulich ging mir ganz plötzlich auf, sie suchen Kontakt, die Herren, wenn sie in der Kirche umherschauen, sobald das möglich ist.   Auch das natürlich der Gewohnheit geschuldet mit dem Volk zu interagieren, dialogisieren auf Augenhöhe zu sein. Das Selbstverständnis eines Priesters ist ein völlig anderes geworden. Aus einem leutseligen kumpelhaften Typ, wird nicht für 1,5h einmal im Monat ein ätherisch- schwebendes, weltentrücktes Wesen. Sie sind ja alle mit einer demokratisierten Kirche auf- oder doch zumindest seit vielen Jahren hineingewachsen. Und man kann daraus auch schwerlich einen Vorwurf erheben. Ebenso wenig kann man jemanden dazu zwingen, für etwas zu brennen, was er nur nett findet, etwas zu lieben, was er nur mag, etwas für das absolut Richtige halten, was er nur nicht ganz verkehrt findet.

Aber man kann versuchen, dem Ritus annähernd gerecht zu werden. Wenn man es nicht aus vollständiger Überzeugung tut, so doch vielleicht wenigstens im Sinne der Wertschätzung der jahrhundertealten liturgischen Tradition, die doch zumindest bei jedem Priester, ja, eigentlich jedem Gläubigen vorhanden sein muss, der unsere Kirche liebt. So wie man mir einst sagte, man könne keinesfalls ausschließlich „außerordentlich katholisch“ sein, bin ich erst recht der Meinung man kann nicht nur die letzten 50 Jahre Kirche lieben. (Und ich meine, ich habe damit weitaus mehr Recht…)

So wie sich die innere Haltung in der äußeren zeigt, funktioniert es ja auch umgekehrt. Das letzte bisschen Scheu, verbietet mir gerade, eine kleine Anweisung zur rechten Körperhaltung zu schreiben. Aber vielleicht verschwindet die ja noch…

Seid aber versichert, wir gehen nicht weg, auch wenn ihr uns nicht seht! Wir folgen euch….öhm… vertrauensvoll, also haltet bedenkenlos den Blick gesenkt, wann immer ihr euch umwendet.

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7 Gedanken zu “Vermeiden, ins Presbyterium zu rotzen

  1. Erinnert mich an eine Unterhaltung, die ich mal mit meinem Pfarrer führte, nicht lang, nachdem ich das erste Mal der überlieferten Liturgie begegnet war – o Schreck, das liegt auch bald schon ein Dezennium zurück. Jedenfalls machte mich der Hw. Herr, der selbst einem gewissen Ritualismus nicht abgeneigt war und ist, er schrieb seine Diplomarbeit gar über den Traditionsbegriff … auf die zahlreichen Kreuzzeichen über den Oblata aufmerksam, etwa die 25 Bezeichnungen im Kanon. Und er meinte, wenn die in der alten Messe notwendig wären, man sie doch auch in der neuen bräuchte. (Oder eben andersrum)
    Mir schien das lange Zeit ein äußerst sonderbares Argument zu sein, schließlich hat die Anzahl der Kreuzzeichen, so wichtig sie sein mögen, nichts mit Gültigkeitsbedingungen zu tun … aber vielleicht da doch mehr dran, als ich erst dachte.
    Warum alte Messe, wenn auch neue geht? Warum ad orientem, wenn auch versus facies geht? Einfach ein paar Liturgievorsteher ins alte-Messe-Biotop verpflanzen kann nicht gelingen. Genau so wenig, wie man die neue Messe wieder vollfromm machen kann, wie die gescheiterte Reform der Reform doch so eindrucksvoll belegt.

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  2. Nur kurz. Tatsächlich ist dieser Biritualismus nix für die schwachen Nerven der Insider. Aber auch nicht für die Zelebranten. Die vielen Fehler, die passieren, haben zur Folge, dass Gläubige, die nur selten kommen, nicht mehr wissen, was hinten und vorne ist. Wahrscheinlich wissen das aber diese Priester auch nicht. Die richtige Zelebration zu lernen dauert Jahre. Manche meinen, sie könnten es, weil sie es dürfen oder sogar wirklich wollen; aber sie können es garnicht können. Es ist eine regelrechte Erholung, oder ein Genuß, oder ein großer Friede…. wenn ein Könner zelebriert.

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  3. Ich stimme Vielem zu, muss aber sagen, dass ich dieses Problem aus eigener Anschauung wirklich nicht kenne. Aber ich bin auch kein Liturgieexperte. Ich habe EINMAL tatsächlich „falsches“ Verhalten gesehen, von einem Pfarrer, der offensichtlich nicht viel Praxis hatte in der Alten Messe. Und Fehler nehme ich nicht übel. Wenn ich sie denn bemerke. Bloß absichtsvolle Verunstaltung.

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    1. Klar, Fehler aus Versehen können passieren und sind nicht schlimm. Auch nicht, wenn sich jemand was falsch beigebracht hat, viele haben ja die Alte Messe ganz für sich alleine gelernt. Da passiert sowas schon mal. Das Wichtige ist, es richtig machen zu wollen!
      Meiner Erfahrung nach sind eben leider viele der Ansicht, dass man es da auch nicht immer so genau nehmen muss, gerade was die Ausführung betrifft. Und das kommt halt leider ganz klar vom Novus Ordo her…. Und so wirkt es eben leider oft etwas oberflächlich.
      Es freut mich aber wirklich sehr für dich, dass du das so noch nicht erlebt hast. 🙂

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      1. Ich habe eher das Problem, dass die Alte Messe durch die zwei Formen eine Art Museumsstatus bekommt. Das ist ja gerade, was sie NICHT ausgemacht hat, dass etwas starr ist und immer so bleibt, wie es ist. Das finde ich gefährlich. Meine Lieblingsvariante wäre: Alles auf Anfang, Alte Messe mit den Varianten, die FSSP oder SJM z.B. schon machen (was Lesungen etc betrifft) und einfach das Interregnum vergessen 😉 . Aber psst. Keinem verraten

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