nun also zum Te igitur

Ein Exkurs in die staubtrockenen Untiefen der Rubrizistik

IMG_0035~2

Mich auf sehr dünnes Eis begebend, schreibe ich:  

Der Anfang des Gebetes wird eingeleitet bzw. ist begleitet von Zeremonien, welche nachdrucksvoll dem Inhalt der Worte zur Verstärkung dienen. Bevor der Priester seine Bitte vorträgt, erhebt er Hände und Augen, um den Aufschwung seiner Seele auszudrücken und um anzudeuten, dass er den Vater im Himmel anrede und bei Gott in der Höhe Hilfe suche. Sogleich aber senkt er wiederum Augen und Hände, neigt sich tief und legt die gefalteten Hände auf den Altar.
Gihr – Das heilige Messopfer

Dieses, den Canon einleitende Gebet mit so vielfältiger Bedeutung, die direkte Anrufung des Vaters und der demütigen nochmaligen Bitte um Annahme und zugleich Segen über die Opfergaben und zugleich als Verbindung zu den vorangegangenen Handlungen, zur Präfation aber auch zur Opferung.

Unterstrichen wird dies in besonderer Weise durch die vorgeschriebenen Gesten, die in ihrer Bedeutung die gesprochenen Worte widerspiegeln. Fünf an der Zahl, Hände und Augen erheben, Augen wieder senken, Hände vereinigen und auf den Altar legen. Gavanti verweist hier auch auf die fünf Wundmale Christi.

Mir will die Formulierung, es lastet sehr viel auf diesem Gebet, nicht aus dem Kopf gehen. „Lasten“ eher in statischer Hinsicht zu verstehen. Eine tragende Säule gewissermaßen, oder auch ganz einfach fundamental.

Und gerade hier, an dieser zentralen Stelle herrschte über Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg Uneinigkeit unter den Autoren, aufgrund etwas widersprüchlicher Formulierungen der Rubriken direkt vor dem Gebet einerseits und im Ritus Servandus andererseits. Hieraus geht nicht ganz eindeutig hervor, ob nun die vorgeschriebenen Gesten vor sprechen des Textes oder gleichzeitig ausgeführt werden sollen.

Würden persönliche Vorlieben eine Rolle spielen, würde ich mich sofort und voller Überzeugung für die Gleichzeitigkeit aussprechen. Weil die Gesten so exakt die gesprochenen Worte widerspiegeln. Das erheben der Hände und Augen während der Herr direkt angesprochen wird mit Te igitur clementissime pater… um gleich darauf die Hände vereinigend und den Blick senkend supplices rogamus ac petimus demütig bittend.

So heißt es in der Rubrik, die dem Text direkt vorausgeht:

Finita Praefatione, Sacerdos extendens, elevans aliquantulum et jungens manus, elevansque ad caelum oculos, et statim demittens, profunde inclinatus ante Altare, manibus super eo positis, dicit:

Nach Beendigung der Präfation sagt der Priester, die Hände ausbreitend, ein wenig erhebend und vereinigend, die Augen zum Himmel erhebend und sogleich wieder senkend, tief vor dem Altar verneigt, die Hände auf jenen gelegt:

Die analoge Anweisung im Ritus servandus hingegen lautet:

Finita Praefatione, ut supra, Sacerdos stans ante medium Altaris versus ad illud, extendit et aliquantulum elevat manus, oculisque elevates ad Deum, et sine mora devote demissis, ac inclinatus incipit Canonem, secreto dicens:

Nach Beendigung der Präfation, verneigt vor der Mitte des Altares, Richtung demselben stehend, mit ausgebreiteten, ein wenig erhobenen Händen, die Augen zu Gott erhoben und ohne zu verweilen gesenkt, beginnt der Priester den Canon, indem er leise spricht:

Kurz gesagt, Gleichzeitigkeit vs. Vorzeitigkeit.

Über diese Frage wurde über lange Jahre immer wieder diskutiert, argumentiert und sich gegenseitig widerlegt, bis man doch irgendwann mehrheitlich der Meinung zustimmte, nach der zuerst die Gesten zu machen und danach, tief verbeugt am Altar stehend, der Text gesprochen werden soll.

Einige frühe Autoren, des 17./18.  Jahrhunderts, sprechen sich noch sehr deutlich für die Gleichzeitigkeit von Ausführen der Gesten und sprechen des Textes aus.

Die Befürwortern des Gleichzeitigen, neben anderen, hier im Besonderen genannt, Bartolommeo Gavanti und Giovanni Michele Cavalieri ,gehen in der Hauptsache von der speziellen Rubrik zu Beginn des Canon aus („rubrica specialis semper praevaleat contra generalem“ , wie Cavalieri betont)  , und wollen diese so verstanden wissen, dass der Priester „die Hände ausbreitend spricht, die Hände vereinigend spricht.. usw.“ sich also auf die grammatikalische Gleichzeitigkeit und das Wort „spricht“ bezieht. Weshalb es auch für die allgemeine Rubrik (rit.serv.) Gültigkeit haben muss, begründet Gavanti damit, dass keine Gesten ausgeführt werden sollen ohne begleitende Worte dazu zu sprechen. So überträgt er gewissermaßen, trotz der grammatikalischen Diskrepanzen der beiden Rubriken seine Argumentation für die Gleichzeitigkeit auf die Rubrik im Rit.Serv.

Die Gegenseite mit den Vertretern Gaetano Maria Merati und Paolo Maria Quarti arbeitet viel mehr den Aspekt der Vorzeitigkeit in der Rubrik des Rit.Serv. heraus, bzw. bezieht sich auf das, in beiden Rubriken vorkommende Perfektpartizip „inclinatus – verneigt (seiend)“.  Der Text darf also erst nach erfolgter und anhaltender Verneigung gesprochen werden, damit einhergehend auch mit bereits ausgeführter Erhebung der Hände und Augen usw., was laut Rubrik des Rit.Serv. auch so zu verstehen ist.
Als Argument gegen die Ansicht Gavantis, „keine Gesten ohne Worte“ werden einige Beispiele für Gesten/Bewegungen angeführt, die in der Tat ohne Worte vollzogen werden, wie z.B. die erste Altarinzensation,  die Elevationen von Hostie und Kelch, Genuflexionen. Cavalieri weist diese Beispiele mit dem Argument zurück, dass hier in der Tat nun auch gar kein Text zu sprechen vorgeschrieben ist, zudem diese Gesten nicht vergleichbar sind mit jenen am Beginn des Canon.

Zum Schluss ein winzig kleiner, bei weitem nicht ausschlaggebender  Gedanke von mir

Dass hier mit dem „inclinatus“ auch eine Vorzeitigkeit zum Ausdruck gebracht wird, kann durchaus darauf hindeuten, dass während des kurzen Moment des sich Verneigens tatsächlich nicht gesprochen werden soll, aber sobald dies geschehen ist,  in verneigter Haltung weiter zu sprechen ist. So erschiene es mir durchaus einleuchtend konsistent, während Te igitur, clementissime Pater Augen und Hände zu erheben, bei Iesum Christum Filium tuum, Dominum nostrum Augen und Hände zu senken, sowie die Hände zu falten um sich darauf still zu verneigen und verneigt supplices rogamus ac petimus zu sprechen. Im Anschluss daran die Hände auf den Altar legen und Altarkuss (was aber ohnehin unstrittig ist und war).

Pierre Jean Baptiste De Herdt schreibt zum Te igitur in Sacrae Liturgiae, im Jahr 1894 recht diplomatisch, dass beide Ansichten Anerkennung verdienen und spricht sich für keine von beiden im Besonderen aus. Was mich ein wenig darin bestärkt hat, gegen die allgemein vorherrschende Meinung sämtlicher neuerer Autoren,  mit dieser kurzen Ausführung zum Ausdruck bringen zu wollen –neben einer öffentlichen Demonstration meiner unterirdisch schlechten Lateinkenntnisse (aber es ging nicht anders) – dass, obwohl augenscheinlich die Waage zugunsten der Argumentation für ein Nacheinander von Gesten und Text ausschlägt, die andere Ansicht, beides gleichzeitig zu tun, deshalb nicht komplett falsch und zu verwerfen ist. Sondern durchaus einige Gründe die dafür sprechen nicht von der Hand zu weisen sind. Und vielleicht darf hier als Entscheidungshilfe doch auch auf die simultane Bedeutung von Gesten und Text zurückgegriffen werden und dem damit einhergehenden Argument, dass eine Gleichzeitigkeit von beidem durchaus eine verstärkende Wirkung mit sich bringt.

Nachtrag:
Aus einer etwas anderen Perspektive betrachtet der Kollege von Pro Spe Salutis diese Fragestellung. hier entlang


B. Gavanti Thesaurus sacrorum rituum,1628
G.M. Merati Novae Observationes et Additiones Ad A.R.P.D Bartolommeo Gavanti, 1740
P.M. Quarti Rubricae missalis Romani commentariis illustratae, 1727
G.M. Cavalieri Opera omnia liturgica, 1764
N.Gihr Das heilige Messopfer- dogmatisch, liturgisch und aszetisch erklärt, 1877
P.J.B. De Herdt Sacrae Liturgiae, 1894

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s