Das Objekt bestimmt die Richtung

Über die Inklinationen des Hauptes, die auf der Epistelseite zu machen sind.


(wir bleiben also noch ein wenig länger in den Untiefen der Rubrizistik)

 

Ritus Servandus V, 2 Missale vor 1962
“Cum nominatur nomen JESUS, caput versus Crucem inclinat: quod etiam facit cum nominátur in epistola. Et similiter ubicumque nominatur nomen B.Mariæ, vel Sanctorum de quibus dicitur Missa, vel fit Commemoratio: item in Oratione pro Papa, quando nominátur, semper caput inclinat, non tamen versus Crucem; nisi in loco principali Altaris habeatur simulacrum vel imago B. M. V. aut Sancti, ad quam caput inclinatur.”

 Ritus Servandus V, 2 Missale 1962
“Cum in oratione, vel alibi in Missa, pronuntiatur nomen IESU vel MARIAE, itemque cum exprimitur nomen Sancti vel Beati de quo dicitur Missa aut fit commemoratio, vel Summi Pontificis, sacerdos caput inclinat.“

 Eigentlich wollte ich  den Mantel des Schweigens über diese Änderung in den Rubriken des Missale von 1962 breiten.  Weil sie mir nicht gefällt. Das ist aber weder ein guter Grund, noch eine Lösung und so widme ich mich diesem Problem, in der Hoffnung, durch  sachliche Analyse zu einem zufriedenstellenden und angemessenen Interpretation zu gelangen.

Der Ritus Servandus vor 1962 schrieb seit Anbeginn (des vereinheitlichten Messbuches) eine Verneigung in Richtung des Altarkreuzes bei Nennung des Namen Jesu vor. Bei Nennungen der Namen der Gottesmutter, des Tages-/Kommemorationsheiligen, sowie des Papstes (in entsprechenden Orationen) eine Verneigung zum Buch oder, falls vorhanden, zum Altarbild.

In den neuen Rubriken ist dieses, wie man unschwer erkennen kann, nicht mehr vorgeschrieben. Man hat also, offensichtlich, immer nur in Richtung des Buches zu inklinieren.

Weshalb es diese Änderung in den Rubriken des Missale von 1962 gibt, kann ich nur spekulieren. Aufgrund anderer Änderungen, die eindeutig eine (vermeintliche) Vereinfachung, im Sinne geringerer Strenge, darstellen (wie die recht oberflächliche Beschreibung für das Ausbreiten und Erheben der Hände) liegt die Vermutung nahe, dass auch hier eine Vereinfachung angestrebt wurde.

Um ermessen zu können, wie einschneidend aber letztlich diese kleine, fast unauffällige Neuerung ist, muss man ein wenig ausholen und Erklärungen zu den vormaligen Vorschriften betrachten.

Zur Richtung der Inklinationen schreibt Lurz: „Die Richtung der einzelnen Inklinationen wird jeweils durch das Objekt bestimmt. Demgemäß sind in der Messe und bei den übrigen Funktionen am Altar alle latreutischen Verneigungen (außer beim Evangelium) zum Altarkreuz hin zu machen, nur in der Zeit zwischen Wandlung und Kommunion zur Meßhostie hin. Die dulischen Verneigungen macht man in der Regel geradeaus, beim Lesen also mit Richtung zum Buch.“
Und Hartmann: „Da der dritten [tiefen] Inklination der Cultus Latriae zu Grunde liegt, wird die Verbeugung zum Altarkreuze, bei Aussetzungen und in der Messe von der Konsekration bis zur Sumtion zum hl. Sakramente, aber während des Evangeliums beim Namen Jesu zum Meßbuche oder bei Aussetzungen zum Allerheiligsten hin gemacht.“

Diese Vorschrift der älteren Rubriken ist lediglich bei Gebeten und Lesungen auf der Epistelseite so augenfällig. Gültigkeit besitzt das, wie Lurz mit „wird durch das Objekt bestimmt“,  schreibt natürlich auch sonst. Nur fällt es dem außenstehenden Beobachter weniger auf, wenn der Zelebrant in der Altarmitte steht, ob er zum Buch, zum Kreuz oder zum Hl.Sakrament hin inkliniert, da hier doch alles recht nahe beieinander liegt.

In diesem Zusammenhang ist es wohl auch unerlässlich, über

die unterschiedlichen Ausführungen der Verneigungen des Hauptes


zu sprechen, da beides kaum trennbar miteinander verbundene Ausdrucksformen der verschiedenartigen Verehrung (latreutisch, hyperdulisch und dulisch) darstellen.

Es ist zunächst festzuhalten, dass die Rubriken des Missale keinerlei Aussage treffen über die tiefe der Verneigungen des Hauptes. Lediglich eine Rubrik im Ceremoniale Episcoporum schreibt eine Unterscheidung bei Nennungen der Namen Jesu oder Mariae vor:

„et cum profert nomen JESU, vel MARIÆ, inclinat se, sed profundius, cum dicit JESUS“

Bezüglich der verschiedenen Abstufungen der Inklinationen des Hauptes herrscht alles andere als Einigkeit unter den Autoren.

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kleine Übersicht zur Verdeutlichung

Autoren, die explizit die Verneigungen des Kopfes in drei Abstufungen einteilen, beschreiben diese auszuführen als:
Tief: tiefe Veneigung des Kopfes zusammen mit einer leichten Beugung der Schultern.
Mittel: deutliche Kopfverneigung, aber ohne die Schultern mitzubeugen.
Leicht: leichte Kopfverneigung,[ etwa wie ein deutliches Nicken. ]

Diejenigen Autoren, die eine dreifache Unterscheidung der Verneigungen des Kopfes beschreiben, erklären dies mit einer dadurch deutlich unterschiedenen Art der Verehrung:

Merati beispielsweise schreibt:  „Diese geringen Verneigungen, die Inklinationen ausschließlich des Hauptes, sind unterteilt in drei Stufen. Von denen die 1. „Minimarum maxima“, die 2. Minimarum media, die 3. Minimarum minima genannt werden.  Die 1. Besteht in einer tiefen Verneigung des Kopfes, die außerdem eine leichte Beugung der Schultern einschließt. Die 2. (minimarum media) besteht einzig aus einer deutlichen Verneigung des Kopfes.  Die 3. Wird durch eine leichte Verneigung des Kopfes vollzogen.“

Und J.B. Müller: „Verneigungen des Hauptes (auch inclinatio simplex genannt); sie wird gewöhnlich wieder unterschieden in profunda, media, minima, je nachdem sie sich bezieht auf Gott (Jesus, Jesus Christus, Gloria Patri, Oremus etc.) = profunda; auf die allerseligste Jungfrau Maria = media; auf einen Heiligen (oder den regierenden Papst) = minima.“

Andere Autoren sprechen nur von zwei voneinander verschiedenen Inklinationen des Hauptes. Kieffer beispielsweise beschreibt die tiefe Verneigung als „tief aber ohne Schulterneige“ und die leichte Verneigung als „merkliche Verbeugung des Kopfes ohne Bewegung der Schultern“. Hier bezeichnen die geringen Verneigungen sowohl den Cultus hyperduliae als auch den Cultus duliae und unterscheidet diese nicht in der Ausführung der Verneigung.

Ähnlich Wilhelm Lurz, der auch nur tiefe  Verneigung des Hauptes während der Messe (als actus latriae) und leichte Verneigung (als actus hyperduliae und duliae) unterscheidet. Jedoch mit dem Hinweis „Beim Namen der Muttergottes macht man gemäß ihrer besonderen Stellung im katholischen Kult (Hyperdulie) regelmäßig eine Verneigung und zwar noch etwas tiefer als bei den übrigen Heiligen.

Ich meine, es ist, anhand dieser kleinen Zusammenstellung, durchaus deutlich das Gewicht dieser äußeren Akte der Anbetung und Verehrung erkennen. Ebenso, wie es auch bei vielen anderen Gesten, Verneigungen des Oberkörpers, Genuflexionen der Fall ist.

Nun wird sicherlich der Grad der Anbetung und Verehrung nicht dadurch geschmälert, dass in den Rubriken nicht mehr die Richtung der Inklination vorgeschrieben ist. Zumal die Inklinationen als solche ja weiterhin gemacht werden und es letztlich ohnehin die Intention ist, auf die es ankommt. Was wäre jeder äußere Aktion ohne die innere Disposition.

Wie Thalhofer im „Handbuch der katholischen Liturgik“  80 Jahre zuvor schreibt
„Sorge der Liturg nur, daß der äußere actus, heiße er Prostration, Genuflexion oder Inclination, nicht rein äußerlich, sondern von den entsprechenden inneren Acten erfüllt, deren lebensvoller sinnenfälliger Reflex er sei“

Doch ist es unbestreitbar, dass jeder äußere, körperliche Ausdruck nur hilfreich sein kann, die innere Haltung und Richtung zu verstärken. Auch, wenn es sich nur um die Richtung einer Inklination und/oder deren Tiefe handeln mag. Um nochmal Thalhofer zu zitieren: „Wohl soll der Beter während des ganzen Gebetes von Ehrfurcht gegen Gott und rsp. gegen den Gottmenschen erfüllt sein, aber an gewissen Stellen und bei besonderen Anlässen wird das ehrfurchtsvolle Anbeten, Danken und Bitten in seiner Seele an Stärke gewinnen und dann naturgemäß auch nach außen sich in besonderer Weise kundgeben, wie das in der magna capitis inclinatio geschieht“

Nachdem nun, wie ich hoffe, ersichtlich geworden ist, wie bedeutsam sowohl Richtung als auch die Unterscheidung der Tiefe der Inklinationen ist, bleibt noch zu erörtern

Ist die neue Rubrik nur weniger streng und somit beides zulässig ?

und wie verhält es sich mit den Abstufungen?

O’Connell schreibt über diese Rubrikenänderung:
“The rubrics requiring bows made by the celebrant when at the Epistle corner oft he altar to be made towards the cross or an image of our Lady or a saint on his feast have been suppressed. All bows (of the head) are now made towards the book”.

Es scheint mir hier so, als wäre O’Connell der Meinung, die Rubrik würde gänzlich Inklination Richtung Kreuz, bzw. Bild ausschließen.
Meiner eigenen, völlig unbedeutenden und unmaßgeblichen Meinung nach, gibt es in den Rubriken einen Anhaltspunkt darauf, dass es nicht so ist und lediglich eine Option darstellt. Sowohl in den neuen, wie auch schon in den alten Rubriken wird an der Stelle, an der eine Inklination zum Buch vorgeschrieben ist, beim Evangelium, auch explizit darauf hingewiesen, dass diese zum Buch zu machen ist. (Rit.Serv. IV, 2.) „Cum autem nominatur IESUS, caput versus librum inclinat“

Über die unterschiedlichen Grade der Kopfverneigung schreibt O’Connell:
“Formerly because of a rubric of the Caeremoniale (II, viii, 46) two kinds of head bow were distinguished, a deeper one for the name Jesus, and a less deep one for the name of Mary or a saint. But this fine distinction is not mentioned in the new rubrics (R.V,2), and is now deemed obsolete.”

Hierzu ist zu sagen, dass die Tiefe der Kopf-Verneigungen nie in den Rubriken des Missale Erwähnung fand, zum anderen diese Rubrik im Ceremoniale Episcoporum weiterhin Gültigkeit besitzt. In sofern sollte sich zumindest an der unterschiedlichen Tiefe der Kopfverneigung durch die neuen Rubriken nichts geändert haben.

Abschließend kann ich sagen, es ist  unbestreitbar, dass die neuen Rubriken hier keine expliziten Anweisungen zur Richtung der Inklinationen mehr geben. Der latreutische, hyperdulische und dulische Akt ergeben sich aber nach wie vor aus dem Objekt. So wird man auch kaum daran zweifeln, dass zwischen Konsekration und Sumtion Verneigung nicht zum Buch, sondern weiterhin zum hl. Sakrament hin zu machen sind. Darüberhinaus sind seit altersher sowohl die unterschiedliche Tiefe der Verneigung, wenngleich es hier Diskrepanzen in der Interpretation unter den Autoren gibt, als auch die Richtung, die seit jeher von den Rubriken vorgegeben war unterschieden worden. Beides begründet durch die Verschiedenheit des Grades der Anbetung und Verehrung. Deshalb wage ich es, O’Connell insofern zu widersprechen, als dass es nicht, wie er schreibt, eine explizite Anweisung zur Inklination in Richtung des Buches darstellt.

Mir will, auch mit größter Anstrengung,  nicht einfallen wann und wo ich je Inklinationen ausschließlich zum Buch auf der Epistelseite gesehen haben könnte, aus welchen Gründen auch immer dies, offenbar, kaum jemand zu tun pflegt. Absichtlich oder weil ältere Literatur zum Lernen benutzt wurde. Deshalb, lange Rede, kurzer Sinn: Einfach so weitermachen.

 



Merati Novae Observationes et Additiones Ad A.R.P.D Bartolommeo Gavanti, 1740
De Herdt Sacrae Liturgiae, 1894
Hartmann Repertorium Rituum, 1898
Kieffer Rubrizistik, 1947
O’Connell The celebration of Mass, 1963
Le Vavasseur/ Manuel de Liturgie et Ceremonial, 1934
Müller Zeremonienbüchlein, 1904
Fortescue The ceremonies oft he roman rite described, 1920
Lurz Ritus und Rubriken, 1951
Thalhofer Handbuch der katholischen Liturgik, 1983

 

 

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