Schön

Über die Grenze einer Ansichtssache

Ein Dialog zum Ende eines Schuljahrs

X: Ich habe eine 6 im Zeugnis. In Mathe. Das heißt, ich werde nicht versetzt. Ich kann gar nicht verstehen, wie das kommen konnte. Ich habe immer alles richtig gemacht.

Y: Immer alles richtig? Mit Verlaub, aber kein Lehrer würde dich derart benoten, wenn du alles richtig gemacht hättest. Was war denn die begründung deines Lehrers für diese Benotung?

X: Es sei keine Mathematik, was ich tue. Nur weil ich die Anwendung der Subtraktion ablehne und mich kritisch äußere über Division. Es widerstrebt mir zu akzeptieren, dass etwas fortgenommen wird. Subtraktion an sich ist für mich etwas gänzlich negatives. Ich finde es einfach schöner, statt etwas wegzunehmen, etwas dazu zu tun. Und auch die Symbolik dahinter ist schön. Ein + Zeichen, Addition steht für Fülle, Wachstum, Gemeinschaft und das alles unter positivem Vorzeichen. Bei einem – überkommt mich immer so ein Gefühl der Auszehrung, Vergänglichkeit, des Schwindens.
Die Division ist für mich annehmbar, solange das Ergebnis ausschließlich ganze Zahlen enthält. Das ist für mich ein Zeichen von Gerechtigkeit und vorallem auch von Unversehrtheit. Ein Bruch als Ergebnis tut mir weh. Das sagt ja schon das Wort. Etwas ist zerbrochen, nicht mehr heil, verletzt. Mit so etwas kann ich mich einfach nicht identifizieren.

Y: Ähh. Ja, gut… Aber dann waren ja deine Ergebnisse fast alle immer falsch! Da konntest du ja nur eine schlechte Note bekommen! Und du wunderst dich?
X: Nein! Sie waren nicht falsch! Nur weil man hunderte, tausende Jahre mit Plus, Minus, Mal und Geteilt gelehrt und angewandt hat, kann man ja nicht sagen, es sei falsch, davon etwas nicht anwenden zu wollen! Aufgaben, in denen nur addiert und multipliziert wurden bearbeite ich, wie alle anderen auch. Da stimme ich dem was uns gelehrt wird, zu 100% zu! Nur im Bereich der Subtraktion und Division habe ich andere Ansichten und denke, es passt nicht in unsere Zeit. Wegnehmen, Zerreißen, ja Verstümmeln erinnert mich an das Mittelalter, an plündernde, mordende Räuberbanden, an Folter und Frondienst. Die Mathematik, die daran so vehement festhält ist zu starr und unflexibel.  Ich möchte einfach die freundlichen, positiven und schönen Aspekte der Mathematik betont sehen. Das Geben und vermehren!

Dass mir aus dieser Einstellung jetzt ein Strick gedreht wurde, ist bezeichnend. In allen anderen Fächern habe ich übrigens nur gute Noten. Ich bin klug! Ich bin ein guter Schüler! Und werde nicht versetzt. Das ist Schikane.

Y: Nun. Mit einer 6 wird man für gewöhnlich nicht versetzt. Du magst ja sonst ein guter Schüler sein. In Mathe bist du es offensichtlich nicht.

X: Das muss ich mir jetzt aber nicht sagen lassen von dir! Ich sei kein guter Mathe-Schüler!! Nur weil ich die Grundrechenarten nicht vollständig anerkenne und benutze bin ich noch lange kein schlechter Schüler! Ich bin der Ansicht man kann sehr wohl ein guter Mathematiker sein ohne die starren Regeln der Mathematik zu befolgen. Ich liebe die Mathematik! Aber eben auf meine Weise. Wem würde es nützen, so zu rechnen, wie die Lehrer es an allen Schulen lehren, wäre ich dabei unglücklich??

Y: Entschuldige, ich will dir ja nicht zu nahe treten, ich bin ja kein Mathelehrer, aber…. Ich denke, dass was du da tust mag ja irgendwie ganz interessant sein, dennoch, es ist ganz sicher keine Mathematik. Ein Experiment vielleicht, mit Elementen der Mathematik, irgendwas Eigenes.  Aber in mathematischer Hinsicht ist das was du tust falsch!

X: Du bist also auch einer von diesen 150-Prozentigen. Die auf die strikte Einhaltung der Regeln pochen, die jede Vorschrift minutiös befolgen, wie es die Lehrer, die Schule, das Bildungsministerium vorschreiben. Ohne mal selbst nachzudenken??
Y: Also… naja. Es ist ja nicht irgendeine Vorschrift, die sich Lehrer, Schule oder Bildungsministerium ausgedacht hätten. Es IST einfach so, dass man nicht richtig rechnen kann, wenn man die Benutzung von Teilen der Grundrechenarten verweigert. Das ist eine Tatsache.

X: Du bist so verblendet…. Tatsache… Ich meine, es ist wichtig, dass man glücklich ist. Und das kann ich nur sein ohne Subtraktion. Für mich ist es so stimmiger und schöner! Ich finde mich und meine Persönlichkeit darin wieder. Jeder kann eine andere Wahrheit haben. Und das ist eben meine. Darauf kommt es an!

Y: Ok… du weißt aber, wenn du so weiter machst und am Ende des nächsten Schuljahres wieder eine 6 kassierst, ist Ende, dann musst du von der Schule….Das wird deine ganze Zukunft beeinflussen! Und das nur, weil du so eigensinnig bist und dich eindeutigen Fakten nicht beugen willst, weil du es anders schöner findest.

X: Ach… Das interessiert mich jetzt doch nicht. Bis nächstes Jahr ist noch viel Zeit, jetzt sind erst mal Ferien. Ich will das hier und jetzt genießen. Und sowieso an Schule für die nächsten 6 Wochen gar nicht denken!

 

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