Brennesseln und Brombeerhecken

Biologisch bedenkenlose Bußübungen… (oder so)

260701

Neulich inspirierte mich eine illegal in einem Blumenkübel auf meinem Balkon wachsende Brennessel zu einigen laut gedachten, und eigentlich nur scherzhaft gemeinten, Gedanken über Bußwerkzeuge aus der Natur. (Zu denen sicherlich ein Spaziergang durch eine Brennesselkolonie oder auch ein beherzter Sprung in eine Brombeerhecke gehören können…. aber ich möchte das hier jetzt nicht weiter ausführen oder gar empfehlen)

Ahnen hätte ich müssen, dass solcherlei Gedanken, zum weiten Feld der körperlichen Bußübungen gehörend, nicht innerhalb eines halben Jahres plötzlich auf große Begeisterung stoßen würden. (nicht einmal, im Spaß angesprochen)
Solange ist es etwa her, dass ich dazu schon mal geschrieben und im Vorfeld dazu anderer Leute Meinung gehört habe. Die sich also nun nicht wesentlich geändert hat. Man bleibt bei:

Das ist total krank!
Das hat man früher gemacht, aber heute braucht man das doch nicht mehr!
Das Leben hält doch genug Schwierigkeiten für uns bereit!

Nun bin ich damals wie heute der Ansicht, dass das zu den Dingen gehört, die wirklich jeder selbst entscheiden muss und es liegt mir fern, irgendwem beispielsweise einen Bußgürtel aufschwatzen zu wollen. Doch halte ich immer noch das Argument „Was viele Heilige praktiziert haben, kann nichts per se Schlechtes sein!“ für ein gutes.
Man braucht ja nicht mit dem Pensum eines Heiligen anzufangen, noch am besten überhaupt daran denken, jenes irgendwie als Maßstab heranzuziehen (Heilige sind schließlich nicht ohne Grund Heilige…) Ohnehin ist in diesen Dingen ein, wie auch immer gearteter, Wettbewerbsgedanke ziemlich fehl am Platz. Nicht nur deshalb hat es Grund und Berechtigung, dass geißeln, Bußgürtel tragen usw. doch eher zu den privateren Angelegenheiten gehören. Jedenfalls was Details betrifft.

Da wir Menschen gerne mal zu völligen Fehleinschätzungen über uns selbst neigen, im Guten wie im Schlechten, ist es ganz bestimmt sehr ratsam, bevor wir uns zuschanden richten, den Beichtvater des Vertrauens zu Rate zu ziehen.

Ich kann gar nicht begreifen, mit welchem Rechte ein geistlicher Führer die seiner Obsorge anvertrauten Seelen von einem Mittel zur Vollkommenheit abhalten kann, das so nützlich ist und so viel von den Heiligen angewendet wurde, wie er sie eines so großen geistigen Gutes, das daraus erwächst, zu berauben vermag, besonders wenn seine Beichtkinder noch jung und wegen der Lebhaftigkeit des Geistes und der Hitze des Blutes eines solchen Mittels sehr bedürftig sind. Sie sagen, sie thäten dieses aus Rücksicht für die Gesundheit. Ich lobe diese Rücksicht; allein dieses beweist nur, daß man kranken und schwächlichen Personen dergleichen Bußen versagen muß, nicht aber, daß man sie jenen nicht im gehörigen Maße gestalten dürfte, die sich einer guten Gesundheit erfreuen. Sie sagen ferner, es lägen ihnen mehr die inneren Tugenden und die Beobachtung der Regeln am Herzen, in denen das Mark religiöser Vollkommenheit enthalten ist, jene äußerlichen Dinge kümmerten sie wenig, weil eine Nonne auch ohne sie heilig werden kann. Ich läugne nicht, daß die christliche und religiöse Vollkommenheit hauptsächlich von den inneren Tugenden abhängt; allein man darf nicht übersehen, daß zur Erlangung dieser Vollkommenheit die Bezähmung des Fleisches und der äußeren Sinne nothwendig ist. Denn ist der Leib vermessen und heftig, so wird der Geist ihn nicht beherrschen, und niemals wird eine Person jene Tugenden im Frieden üben können, die der geistliche Führer mit Recht so hoch schätzt. Dazu kommt, daß man durch die Abtödtung des Leibes reichliche Gnaden und wirksame Hilfsmittel von Gott empfängt, die gerade zur Ausübung dieser so wichtigen inneren Tugenden sehr förderlich sind.
Wenn er also wünscht, daß seine Beichtkinder eines kräftigen und frischen Geistes seien, so verbiete er ihnen nicht, durch gemäßigte Buße die Heftigkeit zu dämpfen, die in ihrem Körper herrscht.

G. B. Scaramelli; „Anleitung zur Ascese“ Band 2, aus dem Italienischen Regensburg 1867

Und hier liegt das Problem. Obwohl ich selbst bisher bei (theoretischen) Anfragen zum Thema, überraschend gute Erfahrungen gemacht und kein allzu großes Unverständnis erfahren habe, dürften doch Wohl Reaktionen wie s.o. zu erwarten sein. Auch immer noch denke ich, wer Verlangen nach Selbstzüchtigung hat, tut dies sowieso, ob mit oder ohne priesterliche Anweisung, Rat oder auch nur „ok“. Ob das wirklich unbedingt gut ist, da bin ich mir zwischenzeitlich nicht mehr ganz so sicher, wie ich es noch vor einem halben Jahr war, eben wegen jener Gefahr der persönlichen Fehleinschätzung. Sieht man doch manchmal vor lauter Fehlern das Gute an sich selbst nicht oder die falschen Fehler…. oder…

Mithin wäre es also schön (!) liebe Priester, für den Fall, dass hier mal einer rein schaut, den  Wert jener körperlicher Bußübungen zu reflektieren, die über viele hundert Jahre für viele, ob heilig oder nicht, von großem geistlichem Nutzen waren.

 

Die Brennessel in meinem Blumenkübel, stellte sich übrigens als Pfefferminze heraus…. 😉

Advertisements

11 Gedanken zu “Brennesseln und Brombeerhecken

  1. Yogisch ist das so: Der körperliche Aspekt der Asana besteht darin, im Moment des Schmerzes geistig frei von jeglichen gedanklichen Konzepten über den Schmerz zu werden (autsch, das tut vielleicht weh!), sondern den Schmerz anzunehmen, zu ertragen und im Schmerz loszulassen, weich und hingebungsvoll zu werden. Das Bewusstsein weilt im Körper, ist fokussiert auf den Atem, die Nahtstelle zwischen Körper und Geist, an der Pforte zu Gott. Die Buße im Schmerz besteht darin, mithilfe des Körpers von seinen gewohnheitsmäßigen mentalen Bewertungen loszukommen, um auf diesem Weg quasi Platz für den Heiligen Geist bzw. heiligenden Geist zu schaffen.

    Selbstzüchtigung ist ein s p e r r i g e s Wort … In zeitgemäßer Ausdrucksweise ginge es nicht so sehr um die „Abtödtung des Fleisches“, sondern um den besonnenen Umgang damit, schließlich hat Gott Körper und Geist erschaffen.

    Gefällt mir

  2. Wohlmeinend kann ich da nur raten, mit dem heiklem Thema sehr diskret umzugehen. Die Mehrzahl der Zeitgenossen wird entweder auf eine sexuelle Abartigkeit bei Ihnen schließen oder als Hobbypsychologe gleich vermuten, dass Sie „ein Problem“ haben und alle Ihre Gedanken gleich mit in die „Krankheitsecke“ schieben, womit man Ihnen, ausweislich Ihres Blogs, Unrecht antäte.
    „Die Pfarrer“ als solche würden wohl auch nicht viel anders reagieren.

    Wenn ich eine aufrichtige Meinung eines Geistlichen hören wollte, wüßte ich, wen ich fragen würde.
    Und Sie doch auch.
    😉

    Gefällt 1 Person

    1. Da stimme ich Ihnen absolut zu. Und gerade deshalb ist es mir ja ein Anliegen, zumindest grundsätzlich, zu dem Thema zu schreiben. Eben weil es so leicht “anrüchig“ angesehen wird, wie Sie schon schreiben. Genau das kann aber dazu führen, dass der eine oder andere nur aus diesem Grund und/oder weil es sowas “gestriges“ ist, davon Abstand nimmt überhaupt nur darüber nachzudenken. Und das wäre doch schade, meine ich…

      Es geht mir also tatsächlich hier mehr ganz allgemein um das Thema

      Natürlich weiß ich, wo Sie meinen… 😉

      Gefällt 1 Person

    2. Die Mehrzahl welcher Zeitgenossen meinen Sie? Die katholischen? Den yogischen Ausflug habe ich nicht zuletzt deswegen unternommen, weil es eine nicht unbeträchtliche Zahl an Menschen gibt, die sich mit dem Thema „Schmerz“ in der von mir beschriebenen Art und Weise auseinandersetzt. Das kann man, sollte nicht ignorieren. Wenngleich ich die yogische Praxis für meine Zwecke „christianisiere“, wird es eher einen allgemeinen Bedeutungszuwachs für die Körper-Geist-Einheit geben als ein Comeback von spezifischen Bußwerkzeugen. Das Bußwerkzeug fügt einen Schmerz über die Haut, also von außen zu, während bei einer yogischen Übung der Schmerz aus dem Körper heraus entsteht. Ich behaupte, dass die Weisheit der Körpers einem Bußwerkzeug „überlegen“ ist, ohne jetzt die Art und Weise „gestriger“ Methoden geringschätzen zu wollen.

      Gefällt mir

      1. Was ich im Bezug auf Yoga und andere fernöstliche Weltanschauungen und/oder Religionen festgestellt habe: In katholischem Kontext als mindestens höchst fragwürdig erachtete Dinge, wie z.B. Zölibat oder eben auch besagte Bußübungen, werden im allgemeinen sehr viel bereitwilliger akzeptiert, wenn beispielsweise von einem buddhistischen Mönch praktiziert oder von mir aus auch einem Yogi… Das mag an einer gewissen Faszination für das exotische, fremde liegen. Ich weiß es nicht…
        Von mir aus kann auch jeder Yogaübungen praktizieren, der das tun will… Ich selbst halte nur nichts von einer Vermischung dessen mit der katholischen Religion und deren aszetischen Traditionen, Dafür gibt es m.E. keine gemeinsamen „Grundlagen“…

        Gefällt mir

        1. Was ist katholisch? Das zu beantworten scheint mir eine größere Herausforderung zu sein. Könnten Sie’s? – Katholisch ist für mich zum Beispiel, wenn Jesus dort deutliche Worte spricht, wo es Not tut und dort barmherzig ist, wo es die Situation erfordert. Das erfordert Mut und Empathie und der Wille „gut und richtig miteinander um[zu]gehen“ (Römer 14, 17–18). Ich für meinen Teil bin „zu katholisch“ um mich in einem durchschnittlichen katholischen Umfeld heimisch zu fühlen und „nicht katholisch genug“, um nicht nach formalen und inhaltlichen Überschneidungen und Schnittmengen zu anderen Religionen oder Philosophien zu schauen. Wobei … ist nicht genau das katholisch??? So schrieb doch der Apostel Paulus: „In Christus gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Mann und Frau. In ihm sind alle eins!“ (Galater 3, 28).

          Gefällt mir

          1. „In Christus“. Genau! Das setzt den Glauben an Jesus Christus voraus. Und dann ist eben ein Buddhist, Jude, Moslem etc. Christ und nicht mehr Buddhist, Jude, Moslem! Auch nicht ein bisschen nebenher… 😉

            Gefällt mir

          2. In den Vorträgen und Predigten von H.H. Pfarrer Milch ist die Antwort auf die Frage „Was ist katholisch“ prägnant enthalten. Demzufolge ist katholisch, wer das Glaubenstotum glaubt und keine Zusätze oder Abstriche macht. Einzelne Vorträge sowie die Bezugsquelle finden Sie auf meinem Blog, wenn Sie mal vorbeischauen möchten.

            Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s