Die Sünde liebgewonnen

Der Verlust des Glaubens

Wie die Tugend des Glaubens vermehrt, so kann sie auch vermindert und gänzlich verloren werden. Vermindert wird sie durch die abnehmende Liebe zur Wahrheit, durch Alles, was den Geist für höhere Dinge abstumpft und ihn herunterzieht in die Gemeinheit des Lebens, oder durch gleichgültigen Nicht- oder Halbgebrauch der Gabe des Glaubens. Der lebendige Glaube wird verloren durch jede schwere Sünde, die uns der göttlichen Liebe und Gnade beraubt. Ist aber der
l e b e n d i g e  Glaube verloren, so kann zwar, wie wir gesehen, der wahre Glaube noch bestehen bleiben, doch ist der todte Glaube sehr der Gefahr ausgesetzt, geradezu in Unglauben überzugehen. Denn die unheilige, gottentfremdete Gesinnung ist das vorzüglichste Hinderniß wie der Annahme, so auch der Bewahrung des Glaubens; wer die Sünde liebgewonnen hat und nicht von ihr scheiden will, wird die Wahrheit hassen; weil die Wahrheit ihm den Genuß der Sünde verbittert, wird er wünschen, daß sie nicht Wahrheit sei, und Scheingründe, zufällig zusammen gerafft, werden ihm genügen, sich dieser Störerin seiner Freuden zu entledigen. […] Auch ist zu beachten, daß der Glaube eine Gnade ist, und daß Gnaden, die wir nicht gebrauchen, oder die wir zu unserm Verderben mißbrauchen, uns leicht entzogen werden.

Konrad Martin „Lehrbuch der katholischen Moral“ , Mainz 1855

 

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8 Gedanken zu “Die Sünde liebgewonnen

  1. Darf eigentlich ein verstorbener Bischof kritisiert werden? Die Sünde „liebgewinnen“ widerspricht m. E. der göttlichen Logik, denn die Sünde hat nichts Liebenswertes in sich, sonst wäre sie keine Sünde. Das Verhältnis zur Sünde ist also nur scheinbar eine liebevolle. Die Sünde schafft Abhängigkeit. Sie schlägt bei drohendem Verlust in Angst, Schmerz, Panik, Groll, Wut, Hass und Aggressionen um. Dass überdies die göttliche Gnade aktiv entzogen werden kann, widerspricht ebenfalls der göttlichen Logik, denn göttliche Gnade ist prinzipiell vorhanden. Wir erkennen sie nur nicht, weil die Sünde die Sicht versperrt. Die Gnade wirkt immer genau in dem Maß, in dem der Mensch bereit ist, sie zu empfangen.

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    1. Da gebe ich Dir Recht. Die Sünde hat sicherlich nichts Liebenswertes an sich. Aber was ist denn mit demjenigen, der z.B. dauerhaft in einer Sünde lebt und nicht von ihr lassen will? Der sich eben nicht aus Liebe zu Gott von der Sünde abwendet. Derjenige liebt ganz offensichtlich die Sünde mehr als Gott!
      Genau. Angst, Hass, Panik bei drohendem Verlust führen dann dazu, dass man sich die sündhafte Situation „schön redet“, Ausreden findet… bis hin zu selbstgestrickten persönlichen „Glaubenswahrheiten“. Eine Folge davon, dass „die Wahrheit gehasst wird“.

      Um überhaupt glauben zu können, zu dürfen, bedarf es ja einer „zuvorkommenden Gnade“. Und wieso sollte die nicht entzogen werden können. Es gibt ja bei der Gnade gewisse Einteilungen und nicht alle sind ja dauerhaft.

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      1. Also: Die Gleichung, „derjenige liebt […] die Sünde mehr als Gott“ entspringt der materialistischen Denkweise eines Krämers und hat eher wenig mit Liebe zu tun.

        Das klingt jetzt alles ein wenig abstrakt-spekulativ, aber derjenige der einer Sünde dauerhaft anhängt, ist vermutlich abhängig von ihr, denkt nur an sich und liebt Gott und seine Nächsten eher überhaupt nicht. Es geht ja oft um Ersatzbefriedigungen, die derjenige zum Überleben braucht, die da fälschlicherweise mit Liebe verwechselt werden. Das Paradoxe ist, dass erst die Bereitschaft Angst, Panik, Wut und Aggressionen zu ertragen, also den Schmerz vollumfänglich zu durchleiden, Heilung bringt. So muss jeder der, die Liebe erfahren möchte, in „das Reich des Todes“ hinabsteigen, um wieder „von den Toten aufzuerstehen“. Ich glaube, erst dann werden Liebesbeziehungen verlässlich.

        Hier, das Buch ist exzellent: https://www.herder.de/religion-theologie-shop/beruehre-die-wunden-gebundene-ausgabe/c-25/p-1668/.

        Oder: Derjenige, der von einer Sünde nicht lassen will, könnte sich zu guter Letzt auch noch fragen, ob nicht grundsätzliche ein Irrtum vorliegt. Vielleicht hat sich das, was anfangs als Sünde gedacht war, irgendwie als Liebe entpuppt? Und ist von Gott gesegnet? Nur so eine Idee …

        Noch zum letzten Absatz: Eine Gnade mit gewissen Einteilungen klingt auch ein bisschen wie von Krämerwaage gewogen. Wichtig ist mir, dass die Theologie nicht „empirisch leer“ ist, vom Menschsein her denkt, den einzelnen Menschen annimmt. Meine Erfahrung ist jedenfalls, dass die göttliche Gnade nicht von Gott wieder entzogen wird. Geistliche, die das predigen, möchten ja vielleicht Ängste schüren … Durch die Sünde behindern wir selbst, dass Gottes Gnade in unserer Richtung wirken kann. Was hätte Umkehr sonst auch für einen Sinn, die Jesus der Sünderin anempfohlen hat, wenn Gnade nicht für jeden gölte? Jesuanisch ist, das jeder, der bereut und umkehrt, Gottes Barmherzigkeit erfährt.

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        1. Genau! Derjenige liebt Gott nicht, der der Sünde anhängt. Ob derjenige seinen Nächsten nicht liebt, darüber würde ich jetzt nicht urteilen wollen. Es ist ja unbestritten, dass jemand auch ein netter Zeitgenosse sein kann, der kein Christ ist, nur eben kein guter Christ, der Gott nicht liebt und lieber sündigt.
          Ich würde mich da im Zweifel auch nicht so sehr an der buchstäblichen Bedeutung von „die Sünde lieben“ oder „liebgewonnen haben“ festbeißen… Am Ende steht doch der Zustand, in dem man die Sünde gar nicht mehr für eine Sünde hält! Möglicherweise findet man das sogar sehr richtig. (Und das wird ja sogar gefördert! Sagte doch sogar ein deutscher Bischof „Homosexualität als Sünde darzustellen ist verletzend!“)

          Genau! Derjenige liebt sich und liebt Gott nicht!

          Das was du schreibst, durch Angst, Panik, Schmerz hindurchgehen um „Heilung“ zu erlangen, wäre ja eigentlich schon der Moment, an dem man begonnen hat, sich wieder Gott zu zu wenden, sich von der Sünde abzuwenden! Aber was ist mit denen, die zwar um die Sünde(n) wissen, in der sie verharren, aber nichts daran ändern wollen? Weil sie immer tiefer und tiefer in den „Sumpf“ einsinken. Erst eine Sünde, dann die nächste und die übernächste und dabei immer weiter weg von Gott, vom lebendigen Glauben. Eine zunehmende Lauheit.

          Also, das ist natürlich keine „Krämerwaage“, das ist Dogmatik. Und somit Lehre der Kirche. 😉
          Wie kann Theologie noch Theologie sein, wenn sie vom Menschen her dächte?
          Was meinst du damit „den Menschen annehmen“? Und wieso sollten Geistliche Ängste schüren wollen? (beides Dinge, die ich schon oft gehört oder gelesen habe und die ich noch nie verstand.)
          Natürlich kann man immer wieder umkehren und Barmherzigkeit erfahren! Nur, derjenige, der den Glauben verloren hat, wird dies ja kaum tun…

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          1. Hm ja, ich schrieb ja von einer Theologie, die vom (alle Ebenen umfassenden) Menschsein her denkt, nicht vom (sündigen) Menschen her. Eine Theologie, die das Menschsein mitdenkt, kann dem Mensch in seinem Menschwerden Antworten geben. Aber das wäre dann wohl die Aufgabe der Pastoralpsychologie?

            Woher zudem mein Gefühl kommt, dass Priester Ängste schüren? (Ich habe ja nicht geschrieben, dass sie das bewusst wollen und heute ist das ja ohnehin keine Frage mehr.) Wenn ich in dem Text aus dem Jahr 1855 also lese, dass einem die Gnade entzogen werden kann, erzeugt das eine gewisse Unsicherheit, der ich in meinem Glaubensleben ausgesetzt bin. Wenn ich dann noch etwas von einer „zuvorkommenden Gnade“ und „gewissen Einteilungen“ lese, befürchte ich, dass mich Gott bei seiner „Verteilung von Gnade“ nicht berücksichtigen könnte bzw. mir die Gnade wieder entziehen könnte, weil ich nicht gut genug bin. Vermittelt wird eher ein kindlich-pädagogisches Gottesbild, das sicherlich der Entstehungszeit des Texts und der spezifischen Verfasstheit des Bischofs geschuldet ist. Das Bild mit der „Krämerwaage“ kam mir dann in den Sinn, da Gnade vor dem Hintergrund des Beschriebenen (geben, einteilen und entziehen) ein bisschen klingt, als sei Gnade ein Stoff (Materie), den Gott nach Maßstäben, die sich mir entziehen, willkürlich austeilt. (Aber gut, mit Dogmatik werde ich mich gelegentlich befassen, jetzt wartert erst mal eine Deadline auf mich.)

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            1. Die Theologie ist die Lehre von Gott. Dass wir Menschen ohnehin (egal was) nur vom Menschsein her denken können ist ja offensichtlich. Denn wir sind ja Menschen. Gottes Schöpfung. Da ist schon alles inklusive! 😉
              Korrigiere mich bitte, wenn ich dich falsch verstehe, aber was du schreibst impliziert ein bisschen, dass man sich „Theologie“ so zusammenstricken kann, wie es einem gerade genehm ist.

              Ich habe ein wenig den Eindruck, wir reden hier teilweise von unterschiedlichen Dingen.
              Zunächst mal ist dieses Buch, aus dem das Zitat stammt, ja kein Predigtbuch. Der „Entzug der Gnade“ wird nicht Strafe Gottes gegen den Sünder ausgegeben, noch als Drohung! Sondern vielmehr als Folge. Dazu muss man zunächst mal unbedingt berücksichtigen, dass derjenige, der sündigt sich selbst der heiligmachenden Gnade entzieht, indem er sich von Gott abwendet. In den Gnadenstand kann man ja ganz leicht zurück gelangen, indem man umkehrt und bereut. Dieser „Nachsatz“ handelt von der Gnade Glauben zu können. Dir sind doch sicherlich auch schon Menschen begegnet, die mit Gott und Kirche nichts MEHR am Hut haben und die berichten, sie können einfach nicht mehr glauben….So heißt es ja auch im Text „Gnaden die wir nicht gebrauchen“.
              Sieh aber bitte diesen, wirklich deutlich nachgeschobenen Satz nicht so sehr isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem vorher geschriebenen.

              Die „Verteilung der Gnade“, wie du schreibst ist ja nun generell etwas wofür man selbst eher wenig tun kann. Gnade, welche auch immer, ist ein unverdientes Geschenk Gottes. Schon alleine deshalb kann man nicht sagen dass jemand nicht gut genug dafür sein könnte.

              Ich sehe hier übrigens nicht, dass ein „kindlich-pädagogisches Gottesbild“ vermittelt wird.

              🙂

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  2. … zumindest habe ich versucht zu skizzieren, wie bei einem Rezipienten ein „kindlich-pädagogisches“ Gottesbild entstehen kann, der eine solche Passage ohne einen größeren Kontext nachzuvollziehen versucht. Außerdem wollte ich dir einen Eindruck vermitteln, weshalb der Eindruck eines strafenden Gottes entstehen kann.

    Was ich schreibe, impliziert allerdings kein bisschen, dass ich an Strickunterricht interessiert wäre ;-), jedoch gibt es eine nicht unbeträchtliche Zahl an Ansätzen, Denkrichtungen und verschiedenen Fächern innerhalb der Theologie, weswegen für mich Theologie (noch) etwas von einem unförmigen, wenn auch schönen Fraktal an sich hat. Ich habe quasi in medias res damit begonnen und bin daran interessiert, meinen Horizont zu erweitern.

    Insgesamt liegen wir jedoch gar nicht so weit auseinander. Auch ich beschrieb, nur in anderen Worten, „dass derjenige der sündigt sich selbst der heiligmachenden Gnade entzieht, indem er sich von Gott abwendet.“ Was es mit Gnade als einem unverdienten Geschenk auf sich hat, verstehe ich allerdings nicht ganz: Sind Menschen etwa unterschiedlich begnadet? Und wenn ja, liegt das dann an der „zuvorkommenden Gnade“ oder daran, dass sich derjenige um ein tugendvolles Leben bemüht?

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    1. Genau! Was das sich selbst der heiligmachenden Gnade durch Sünde entziehen betrifft, stimmen wir völlig überein! Bzw. ist halt auch einfach so. 😉

      Tja… aber was deine Fragen zur Gnade als unverdientes Geschenk betrifft, das wird dir niemand beantworten können. Wie Gott die Gnaden verteilt ist sein Geheimnis… Ein tugendhaftes Leben ist natürlich nie verkehrt, aber „unverdientes Geschenk“ bedeutet ja, dass man nichts aktiv tun kann um Gnaden zu bekommen.

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