ungebetene Selbsterkenntnis

Lehrbuchhaft in die Nesseln gesetzt

Vielleicht neige ich zur Rüpelhaftigkeit. Vielleicht neigt der selektiv-Apostasierte auch zum Mimöschen.

Wahrscheinlich: Beides.

Man gewöhnt sich ja mit der Zeit. An beleidigte, empörte, sich auf den Schlips getreten fühlende Gesprächspartner.
Und man rechnet gelegentlich sogar damit. Manchmal zucke ich aber regelrecht zusammen vor Erschrecken über den Aufschrei der Empörung ob einer völlig unbewusst und ungezielt getätigten Anklage. Vor allem aber wundere ich mich.

Ich kenne einen Mann, der klaut jeden Donnerstag seiner Oma 50 Euro aus dem Portemonnaie. Aus Gründen.  Er gibt damit nicht direkt an, verschweigt es aber auch nicht. Letzthin kam es in einer Unterhaltung dazu, dass ich verlautbarte, Menschen die anderen etwas ohne deren Zustimmung wegnähmen, seien Diebe und somit Verbrecher. Mein Ohr pfeift immer noch ein bisschen, von dem Aufschrei neben mir: „Willst du damit etwa sagen, ich sei ein Dieb?????“

Hätte ich sagen wollen, er sei ein Dieb, hätte ich vermutlich gesagt: „Hömma Freund, du bist ein Dieb!“ Habe ich aber nicht.

Ich habe lediglich ganz allgemein und unpersonalisiert einen Dieb klassifiziert. Dass der Herr sich von mir als Dieb bezeichnet fühl, liegt daran, dass  er anhand der Merkmale sich selbst darin erkannt hat. Nicht ich, sondern er selbst hat sich einen Dieb genannt.

Im Grunde ist es ihm längst klar gewesen. Der Dieb weiß, dass er einer ist. Weil er sich seine regelmäßigen Vergehen aber schön redet und gute Gründe dafür findet, warum er es für sich legitimiert, hält er sich selbst für einen ehrlichen und gesetzestreuen Menschen. Kommt nun jemand mit einer objektiven Charakterisik, anhand derer er sich selbst erkennt, als das was er ist, ist der Schreck natürlich groß und nicht man selbst, sondern der, der einem diese Erkenntnis schenkt, ist der Böse. Weil er eine Illusion zerstört. Weil er den kleinen Zusatz „bei dir ist das natürlich was anderes“ vergessen hat.

In diesem konkreten Fall hatte ich es tatsächlich nicht im Sinn, meinen Gesprächspartner auf subtile Weise zur Selbsterkenntnis zu leiten, erst recht nicht, ihn bloßzustellen vor sich selbst.

Natürlich ging es nicht wirklich um wöchentliche 50 Euro aus Omas Geldbeutel…

Das Leben ist spannend und Menschen sind es auch.

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