Das Leben des Teufels

Die Sünde raubt uns die heiligmachende Gnade. Und welch ein Verlust ist nicht auch dieses. Denn die heiligmachende Gnade ist eine Wirkung des heil. Geistes, wodurch wir vom Bösen abgehalten und zum Guten angetrieben werden; sie ist ein Licht, das die Finsterniß unsers Verstandes erleuchtet; sie ist ein Feuer, welches die Eisdecke unsers Herzens schmilzt und es mit der Gluth der göttlichen Liebe erwärmt. Die heiligmachende Gnade ist unserer Seele dasjenige, was den Reben des Weinstockes der Saft ist, den ihnen der Stamm mittheilt ; durch sie lebt unsere Seele in Jesus Christus. Vermöge der heiligmachenden Gnade sind wir lebendige Glieder Jesu Christi; durch sie machen wir nur Eines mit ihm aus, gleichwie die Rebe nur Eines mit dem Weinstocke ist. Aber eine einzige Todsünde reißt uns aus diesem seligen Verbande. Und der schrecklichen Aenderung! wie wir zuvor das Leben Jesu lebten, so leben wir jetzt das Leben des Teufels; wie wir zuvor Eines mit Jesu Christo ausmachten, so machen wir jetzt Eines mit dem Teufel aus; wie wir im Stand der Gnade so zu sagen ein anderer Jesus Christus waren, so sind wir durch die Sünde zu einer Art von Teufel geworden. Sollen wir über diesen traurigen Wechsel nicht blutige Thränen der Reue weinen?

Th.Wiser; Der Christ in der Buße oder ausführliche Anleitung, eine würdige Beicht abzulegen, München 1845

 

 

Der Teufel hat die Renaissance gemacht…

…behaupte ich einfach mal. Und begründe es wie folgt:

Die Renaissance hat den Menschen entdeckt, sich in ihn verliebt und fortan bis zum Exzess gefeiert.

Ich möchte das wiederum am Beispiel der Architektur verdeutlichen. Es wurde zurückgegriffen auf antike römische „Formensprache“.  Und das nicht einfach aus purer Nostalgie, sondern mit Begründung. Am vorangegangenen Baustil der Gotik wurde kein gutes Haar gelassen, er wurde ebenso niedergeredet, wie das gesamte Mittelalter niedergeredet wurde. Nun ist das natürlich erst mal keine allzu schlimme Begebenheit und auch völlig normal und kann ein Stück weit als „Generationenkonflikt“ bezeichnet werden. Man glaubt schließlich immer, es besser zu wissen. Schlecht ist in diesem Fall, dass es bis zum heutigen Tag dabei geblieben ist und man sich immer wieder in vielerlei Hinsicht von den Errungenschaften und Ansichten vorangegangener Generationen löste, auf noch ältere zurückgriff, sie aufnahm und zitierte aber nie wieder von der Haltung Abstand genommen hatte, dass der Mensch der Mittelpunkt von allem zu sein hat.

Beispielsweise kam der Rundbogen  wieder in Mode im Gegensatz zum gotischen Spitzbogen der, wir erinnern uns, eine der großen stilistischen Merkmale der Gotik ist.

Die Baumeister der Renaissance hielten den gotischen Spitzbogen für unschlüssig und diffus, gestaucht oder gestreckt, in jedem Fall uneindeutig. Bei einem Rundbogen hingegen sei der Bezug von Höhe und Breite (Radius zu doppeltem Radius) sofort und unzweifelhaft erkennbar.

An einem kleinen zeichnerischen Beispiel erkennt man allerdings sofort, dass das so nicht stimmt. Ich hatte schon gezeigt, wie ein Spitzbogen konstruiert wird, wiederhole es aber noch einmal:

kreis-spitzbogen

Wie man sieht besteht auch die Konstruktion eines Spitzbogens aus Halbkreisen. Zwei sich schneidende welche. Und deshalb liegt auch hier ein logisches Verhältnis von Breite und Höhe und Radien zugrunde.  Ja, ich gebe zu, im Gegensatz zu einem Rundbogen ist dieses Verhältnis nicht auf den ersten Blick erkennbar. Man muss es entweder wissen oder sich erarbeiten, aber es wird einem nicht auf dem Silbertablett serviert. Die sofortige Durchschaubarkeit der Konstruktion, der Maße, der Verhältnisse ist vielleicht auch nicht das, was in erster Linie notwendig ist. Die Schönheit und Ästhetik eben jener Maßverhältnisse, die sich dem Betrachter zeigt, ist es, denn das ist es, was wir zuerst wahrnehmen und was den Eindruck eines Raumes ausmacht. Nicht, ob man die Maßverhältnisse auf den ersten Blick versteht.

Alles in allem ist aber jenes Maß-und Proportionsverständnis der Renaissance, wie man leicht sehen kann, eine Simplifizierung. Es ist gewünscht, dass der Mensch es durchschauen kann, es versteht und erkennt und sich, den Menschen dadurch darin findet, eben durch das Verstehen.

Es ist eben genau das Gegenteil davon, was der Kollege hic über die Gotik schreibt.

Und es ist bei diesem Gegenteil geblieben. In allen Bereichen. Der Mensch will sich in allem wiederfinden. Er will alles mit dem kleinen menschlichen Geist sofort erfassen können, weil ihm alles andere Angst macht, nachdem er, der Mensch sich entdeckt hat und seit er sich so sehr liebt. Und dass es dazu führte, dass selbst die Liturgie so sehr vermenschlicht wurde, dass sie sich dem Menschen präsentiert, ist eigentlich nur eine logische Folge. Ich kann den Teufel kichern hören, ob so viel menschlicher Dummheit.